Als zwei angehende Doktorandinnen, die innerhalb ihrer Disziplinen – Literatur- und Musikwissenschaft – an jenen Forschungsgegenständen interessiert sind, die als „anders“ und „jenseits des Kanons“ betitelt werden, wurden wir in letzter Zeit häufig gefragt, wie wir die Diversität an deutschen und englischen Universitäten im Vergleich beurteilen würden und auch, wie man diese erhöhen könne. Dies ist ein Versuch, diese Frage in Referenz auf bestehende Ressourcen zu beantworten.

Eine Kommentarlawine unter einem Blog-Artikel löste Anfang 2016 eine heftige Debatte über Rassismus in der US-amerikanischen Musikwissenschaft aus.[1] Auf dem Blog Musicology Now der American Musicological Society (AMS) und in sozialen Netzwerken machten Musikwissenschaftler*innen unter dem Hashtag #AmsSoWhite auf ihre Erfahrungen mit strukturellem Rassismus in einer von weißen Wissenschaftler*innen dominierten Disziplin aufmerksam.

Der Brite Edward Colston war ein mörderischer Sklavenhändler. Von seinen Schiffen wurden einst versklavte Afrikaner, die wegen Krankheit für seine Royal African Company nichts mehr „wert“ waren, lebendig in den sicheren Tod von Bord geschmissen. Deshalb wirkte der Moment, in dem seine Statue in den Hafen der Universitätsstadt Bristol platschte, auf mich und viele andere wie eine Erleichterung. Endlich passierte einmal etwas, auch wenn es tragischerweise den brutalen, öffentlichen Polizeimord an George Floyd und das darauffolgende Wiederaufflammen der Black-Lives-Matter-Bewegung brauchte, um so weit zu kommen. Die Statue, von stolzen Bürgern in der späten Viktorianischen Zeit errichtet, erinnert(e) an Colstons Wohltätigkeit. Schon vor Jahren entbrannte ein heftiger Streit darüber, ob ein Mann, der sein Vermögen dem Menschenhandel verdankte, noch so ein Monument verdiene. Viele Jahre des Hin und Her brachten keine Veränderung. Man stritt über Vorwürfe von „Geschichtsklitterung.“

Loggt man sich in diesen Tagen als Studierender der LMU München in das universitätseigene Portal Lehre, Studium, Forschung (LSF) ein, so erscheint folgende prominent platzierte Meldung: „Gemäß Mitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst vom 10.03.2020 ist der Lehrbetrieb in Präsenzform unverzüglich bis auf Weiteres einzustellen.“ Der Studienalltag ist demnach momentan von virtuellen Zoom-Meetings, Break-Out-Sessions, Präsentationen über Bildschirmübertragung und regem E-Mail-Verkehr geprägt. In den Bibliotheken wird ein möglichst effizienter und kontaktloser Ausleihvorgang versucht zu ermöglichen, der die Aufenthaltsdauer auf ein Minimum reduzieren soll.

Man könnte meinen, ein Text zum Bologna-Prozess sei im Jahr 2020 aus der Zeit gefallen. Die Reform der Studiengänge an den europäischen Universitäten ist doch schon längst abgeschlossen. Tatsächlich sind die allermeisten Curricula in Module gegossen und an vielen Universitäten wurden diese von (mehr oder weniger unabhängigen) Agenturen auch akkreditiert. Dass bei diesen „Qualitäts­sicherungs­maß­nahmen“ nicht immer mit nachvollziehbaren Bewertungs­kriterien gearbeitet wurde, ist sicherlich Thema für einen eigenen Text und soll hier keine Rolle spielen.

Da der Fokus dieses Beitrags auf einigen kritischen Beobachtungen im Kontext der Erfahrungen und des Erfahrungsaustausches der vergangenen Wochen liegt, sei eines vorausgeschickt: Die digitale Lehre funktioniert. Forschung und Lehre sind – zumindest in unserem Fach – nicht an das Gebäude der jeweiligen Institution gebunden. Wenn der Campus unzugänglich ist, kann es trotzdem weitergehen. Deutlich spürbar war und ist bei allen Beteiligten der Wille, dass das Sommersemester so gut und reibungslos wie möglich seinen Lauf nimmt.

Eine Fachgeschichte nach 1945 ist Bestandteil einer Kulturgeschichte des Kalten Krieges. So genannte Cold-War-Studies sind ein sehr junger Zweig der Geistes­­wissen­schaften. So gründeten wir 2006 in Los Angeles bei der American Musicological Society eine Cold War Study Group. Wie schreibt man die Kultur­geschichte eines geteilten Landes (exemplarisch für eine geteilte Welt), dessen einer Hälfte von den Westalliierten eine relativ offene und dessen anderer, kleinerer Hälfte von den Sowjets eine relativ geschlossene Gesellschaft verordnet worden war?

Zum Kontext: Im November 2019 erschien im Verlag Königshausen & Neumann Musik verstehen – Musik interpretieren, eine Festschrift für Siegried Mauser zu dessen 65. Geburtstag, die vom Germanisten Dieter Borchmeyer und den Musikwissenschaftler*innen Susanne Popp und Wolfram Steinbeck herausgegeben wurde. Unter den Autor*innen dieses Sammelbandes sind zahlreiche prominente Namen aus Wissenschaft und Kultur.

Zur Mauser-Festschrift scheint mittlerweile alles gesagt zu sein, was zu sagen ist – in zahlreichen Pressekommentaren und auch von Seiten der Musikwissenschaft, etwa in den Stellungnahmen einiger Fachgruppen in der Gesellschaft für Musikforschung. Im Raume steht jedoch noch der Vorwurf, die Kritiker*innen hätten die Festschrift nur bruchstückhaft gelesen.

Die Vorbereitung und Publikation von Musik verstehen – Musik interpretieren, einer Festschrift zu Siegfried Mausers 65. Geburtstag, haben in der akademischen Musikwissenschaft ebenso wie in der breiteren Öffentlichkeit eine weitreichende Kontroverse ausgelöst. Die Debatte reicht mittlerweile weit über den konkreten Fall hinaus ins Grundsätzliche: