Daniel Siebert (links) und Sean Prieske (rechts)

Seit Januar 2019 erscheint monatlich der musikwissenschaftliche Podcast „Musikgespräch“. Mit Spaß und differenziertem Denken besprechen die Musikwissenschaftler Sean Prieske und Daniel Siebert darin querbeet Themenkomplexe der Musikwissenschaft. Dabei richten sie sich nicht nur an ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern auch an alle anderen musikinteressierten Zuhörer*innen. Gleichzeitig begrüßen sie auch prominente Gäste wie Echogewinnerin Asya Fateyeva, den Philosophen Daniel Martin Feige oder Rapper Shacke One. Sean und Daniel sind Musikwissenschaftler aus Leidenschaft und holen die Musikwissenschaft aus ihrer Nische. Mit wissenschaftlicher Expertise und einer gesunden Portion Humor sprechen sie über Musik. Das neue „Musikgespräch“ erscheint jeden 15. des Monats auf den meisten Podcastplattformen und auf www.musikgespraech.de (Selbstportrait).

Im Jahr 2015 sorgte ein Blog für Aufsehen in der akademischen Welt. Eine Gruppe anonym bleibender Studierender veröffentlichte unter dem Titel Münkler-Watch wöchentlich Kommentare zu einer Vorlesung des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler. Die meisten Lehrenden an einer Hochschule oder Universität wären über den Aufwand, den die Studierenden betrieben, vermutlich begeistert. Nicht so in diesem Fall, denn man beschränkte sich keineswegs auf eine akademische Nachbereitung, sondern prangerte offensiv Militarismus, Rassismus und Sexismus an, den Münkler in den Augen der Studierenden regelmäßig in seiner Lehrveranstaltung verlauten ließ. So wurden auch die Medien auf den Fall Münkler aufmerksam, der fortan unter besonderer Beobachtung stand. Die Reaktion des etablierten und gut vernetzten Professors ließ nicht lange auf sich warten. Er bezeichnete die Studierenden als “erbärmliche Feiglinge” und vermutete “Trotzkisten” hinter der Aktion. Inzwischen ist Münkler pensioniert – nachhaltig geschadet hat ihm die Auseinandersetzung nicht.

Das Thema ‚künstlerische Forschung‘ ist zweifellos dazu geeignet, Kontroversen zu provozieren. Anderswo sind artistic research-Programme bereits seit langem als sogenannter third cycle in die musikalisch-künstlerische Ausbildung integriert; in Deutschland befinden sie sich vielerorts noch in der Konzeptions-, Entstehungs- oder Erprobungsphase. In einem öffentlichen Positionspapier mahnte die Gesellschaft für Musikforschung 2014 dazu, das Profil entsprechender Studiengänge und der damit verbundenen Abschlüsse mit aller gebotenen Sorgfalt zu entwerfen. Keinesfalls dürfe ‚künstlerische Forschung‘ zu einer Promotion light gerinnen: Ein Titel wie der Dr. mus.müsse strukturell deutlich vom Doktorat geisteswissenschaftlicher Provenienz differenziert sein, dabei aber selbstverständlich als Gütesiegel ernstzunehmender wissenschaftlicher Leistungen vergeben werden. Der folgende Beitrag wirft zunächst einen systemtheoretisch informierten Blick auf das Konstrukt ‚künstlerische Forschung‘; anschließend macht er den Vorschlag, das derzeit expandierende Feld musikalischer Interpretationsforschung als Projektlandschaft für Forschungsvorhaben auf der Systemgrenze zwischen Kunst und Wissenschaft zu nutzen.

Briten sind bekanntermaßen von Klasse und Klassenbewusstsein besessen, wovon nicht nur Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch der britische Humor zeugen. Diese Obsession mag zwar zuweilen groteske Züge annehmen, zumindest aber führt sie zu einer Reflexion über die sozialen Kontexte von kulturellen Praktiken, wie sie im deutschsprachigen Raum, wo ein vordergründiger Egalitarismus die weitgehend uneingeschränkte Diskurshoheit der bürgerlichen Mittelschicht kaschiert, kaum stattfindet. Musik ist keine Ausnahme: Sie eignet sich besonders zur sozialen Identifikationsstiftung und zur Akkumulation von „kulturellem Kapital“ (Bourdieu). Ob man will oder nicht: Jedes Genre, jeder Stil und jede Praxis lassen sich minutiös zuordnen. Das ist im deutschsprachigen Raum nicht anders, wird aber seltener zur Sprache gebracht als in Großbritannien.

Nicht nur für die Disziplin Musikwissenschaft, sondern auch ganz persönlich dürfte es für jede*n Forscher*in ‘Schlüsseltexte’ geben. Dennoch hat das Fach ein ambivalentes Verhältnis zu einflussreichen Aufsätzen und Büchern. Musikwissenschaftliche Forschung findet nur selten in expliziter Auseinandersetzung – sei es in Anknüpfung oder in Abgrenzung – mit zentralen Schriften statt. Auch die vieldiskutierte „Theoriearmut“ der Musikwissenschaft mag mit der nur schwach ausgeprägten Bereitschaft zusammenhängen, die eigene Forschung in Beziehung zur Fachgeschichte – im Sinne einer Geschichte der Forschungsinhalte – zu setzen.

Unter dem Titel „Ist die Klassik kolonialistisch?“ werden in der FAZ Debatten um den musikalischen Kanon, politischen Populismus und gesellschaftlichen Aktivismus zwischen Hörsaal und Konzerthalle polemisch zusammengewürfelt. Damit wird von Seiten akademischer Vertreter*innen ein Bedrohungsszenario skizziert, dass sich gefährlich nahe an besorgten „Eliten“ von Anti-Cancel-Culture-Initiativen bewegt.

Ein modales Sprachspiel

In den Medienwissenschaften gibt es seit langem das Einverständnis, dass technische Geräte wie das Radio oder das Smartphone keine durchsichtigen Fensterscheiben sind, die uns den ungehinderten Blick auf eine Welt dahinter freigeben. Das McLuhan’sche Paradigma,[1] wonach das Medium selbst eine Botschaft hat, stellt Musikwissenschaft vor allem dann vor Herausforderungen, wenn sie es mit Aufführungen zu tun hat.

Welche Probleme – inhaltlicher wie fachpolitischer Art – beschäftigen die Community? Wie können wir in der Musikwissenschaft fruchtbar miteinander streiten? Musiconn.kontrovers will Impulse setzen und Forum für direkte und kontroverse Diskussionen sein. Der Blog soll die Aufmerksamkeit auf jene Kernfragen lenken, zu denen die Stimmen möglichst vieler Kolleg*innen gehört werden sollten. Ziel des Blogs, der Teil des Fach­informations­dienstes Musik­wissen­schaft ist, sind sachliche, unhierarchische Kontro­versen, in der auch unfertige und strittige Gedanken eine Plattform finden.

Als bei den Darmstädter Ferienkursen 2018 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Notations“ – explizit anknüpfend an den Kongress „Notation Neuer Musik“ des Jahres 1964[i] – zeitgenössische Notationspraktiken diskutiert wurden, geschah dies unter den Aspekten ‚Utopie‘ (Ferneyhough), ‚Resultat‘ (Boulez), ‚Imperativ‘ (Lachenmann) und ‚offene Form‘. Zweifelsohne sind Helmut Lachenmanns Mischformate aus Resultat- und Aktionsschrift oder Brian Ferneyhoughs überbestimmte Partituren ein faszinierendes Studienobjekt; auch für die theoretische Durchleuchtung der Potenziale und Funktionsweisen musikalischer Schrift stellen sie einen wichtigen Bezugspunkt dar.

Zur Polemik „Igor Levit ist müde“ in der Süddeutschen Zeitung wurde vieles gesagt. Und es hat etwas von Nabelschau und Nestbeschmutzung, über Kollegen und über Vorgänge in anderen Redaktionen zu mutmaßen. Die Entgegnung von Carolin Emcke in der gleichen Zeitung bildete mehr oder weniger ein Schlusswort, dem nichts hinzuzufügen ist. Daher nur ein paar lose Gedanken und Beobachtungen, weil der Fall geeignet ist, den ohnehin nur mäßigen Ruf der Musikkritik zu beschädigen.

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