Seit der Gründung des „Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik“ 1978 sind vier Jahrzehnte vergangen, in denen enorm viel auf dem Gebiet der musikwissenschaftlichen Frauenforschung (heute der musikwissenschaftlichen Genderstudien) geschehen ist. Es sind Sammlungen und Archive entstanden, es sind institutionelle Etablierungen an Musikhochschulen und Universitäten gelungen, wie sie sich in dem seit 2008 erscheinenden Jahrbuch Musik und Gender spiegeln, das von der Fachgruppe Frauen- und Genderstudien in der Gesellschaft für Musikforschung und den Professorinnen, deren musikwissenschaftliche Professuren mit Gender-(Teil‑)Denominationen versehen sind, verantwortet wird.

 

Bei der Betrachtung, ob Musikwissenschaft politisch oder unpolitisch ist, hilft es im ersten Schritt weiter, zu differenzieren und die Komponenten der Frage einzeln sowie in ihrer inneren Struktur näher zu beleuchten. Dabei kommen verschiedene Ebenen in den Blick. Einerseits betreffen diese den Untersuchungsgegenstand der Musikwissenschaft, das heißt diejenigen wissenschaftlichen Fragestellungen, über die sich zu anderen Wissensdisziplinen abgrenzt und inhaltlich wie thematisch definiert. Daneben betrifft dies auch die Aussagen über Beobachtungsperspektiven der Musikwissenschaft.

Es gab einmal eine Zeit, da hielt man es für unstrittig, „die Musik, die Kunst der Töne, die Wirkung, die in uns erregt wird, zu den erstaunenswürdigsten Sachen“ zu zählen und sogar anzunehmen, sie sei „das Allerunbegreiflichste, das wunderbar-Seltsamste, das geheimnißvollste Räthsel“, das unsere Empfindungen erfassen könnte. Daher sei die Musik der „Seelenton einer Sprache, die die Allmacht unbegreiflich in Erz und Holz und Saiten hineingelegt hat“. Damit sei zu folgern, die „Kunstmeister offenbaren und verkündigen ihren Geist nun auf die geheimnißvollste Weise auf diesen Instrumenten“.

Es waren glückliche Zeiten, als jede noch jeden verstand: Die ganze Erde hatte ein und dieselben Worte, eine Sprache. (1 Mose 11,1) Das Streben nach der einen Wahrheit, nach absolutem Wissen, um Gott gleich zu sein, führte jedoch dazu, dass Gott herabstieg, die Sprachen der Menschenkinder verwirrte, um so den Turmbau von Babel zu verhindern und den menschlichen Hochmut zu brechen. Wo wären wir heute, wenn wir tatsächlich eine gemeinsame Muttersprache hätten und ohne jede Grenzen alles und jeden verstehen würden?

Aus dem Amt, einer Gesellschaft für Musikgeschichte mit regionalem Arbeitsgebiet (Baden-Württemberg) vorzustehen, darf jetzt keine Verlegenheit werden! Und schon gar keine peinliche Liebhaberei geistiger Ruheständler. Die Frage nach einer musikgeschichtlichen Forschung mit regionalem Zuschnitt muss der globalisierten und digitalisierten Welt standhalten. Zumal, wenn die Anfrage von einem Weblog kommt. Sonst können wir einpacken.

Die meisten Musikwissenschaftlerinnen und ‑wissenschaftler dürften das Problem kennen: Am Ende einer interessanten Tagung oder eines besonders anregenden Vortrags gibt es nicht genügend Zeit für Diskussion. Fragen müssen unbeantwortet bleiben und Wortmeldungen zurückgestellt werden. Auch die anschließende Kaffeepause ist selten lang genug, um all das Ungesagte aufzuarbeiten.

„Wege der Musikwissenschaft“ lautet der Titel des XVI. Internationalen Kongresses der Gesellschaft für Musikforschung, der vom 14. bis 17. September an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz stattfinden wird. Die Tagung will laut Kongressankündigung ein Forum sein für „Selbstreflexion“, für eine „Standortbestimmung“ und für eine „Diskussion zukünftiger Wege der Musikwissenschaft“.