Englisch als Wissenschafts­sprache: verstehen und verstanden werden

von Andrea Lindmayr-Brandl

Es waren glückliche Zeiten, als jede noch jeden verstand: Die ganze Erde hatte ein und dieselben Worte, eine Sprache. (1 Mose 11,1) Das Streben nach der einen Wahrheit, nach absolutem Wissen, um Gott gleich zu sein, führte jedoch dazu, dass Gott herabstieg, die Sprachen der Menschenkinder verwirrte, um so den Turmbau von Babel zu verhindern und den menschlichen Hochmut zu brechen. Wo wären wir heute, wenn wir tatsächlich eine gemeinsame Muttersprache hätten und ohne jede Grenzen alles und jeden verstehen würden?

Doch solche Spekulationen sind müßig, denn die Geschichte hat es anders mit uns gemeint. Wir sprechen verschiedene Sprachen, und jede Sprache ist Zeugnis der Vielfalt verschiedener Kulturen, die sich in Literatur-, Kunst- und Musikgeschichten ausdrückt und nicht zuletzt auch die nationalen Wissenschaftstraditionen geprägt hat. War es für Generationen von deutschsprachigen Musikwissenschaftlern eine Selbstverständlichkeit, in ihrer Muttersprache zu publizieren, so hat sich die Situation in den letzten Jahren allerdings stark verändert. Wer international wahrgenommen werden will, muss Englisch sprechen und Englisch schreiben – daran scheint kein Weg vorbeizuführen.

Die Ursachen für diese Entwicklung, die man begrüßen oder bedauern mag, sind mannigfaltig und von historischer, wirtschaftlicher und politischer Natur (auf die ich hier nicht näher eingehen kann). Englisch ist gegenwärtig die drittweitest verbreitete Sprache – nach dem Chinesischen und dem Spanischen –, wird in den meisten Ländern der Welt als Zweit- oder Drittsprache in der Schule gelehrt und ist im multimedialen Alltag präsent ist. Die Hegemonie des Deutschen als Zweitsprache, zumindest im europäischen Raum, ist längst gebrochen.

Auch unser Fach, die Musikwissenschaft, ist nicht länger national, sondern längst global geworden. Aber was bedeutet das für unseren wissenschaftlichen Alltag? Positiv gesehen erweitert sich unser Horizont enorm, unsere Ansprechpartner sind über die ganze Welt verstreut, und durch das Internet gibt es keine aktuelle Entwicklung, an der wir nicht auch teilhaben können. In einem sonst so kleinen Fach wie der Musikwissenschaft fühlt man sich plötzlich als Mitglied einer grenzenlosen, internationalen Gemeinschaft von Expertinnen, in der man sich mühelos und ohne Sprachbarriere austauschen kann. Ist der Turmbau zu Babel also schließlich doch gelungen? Und ist das Englische sein Fundament, die wiedergefundene gemeinsame Sprache?

Nur scheinbar, denn wir – die Nicht-Muttersprachler – zahlen dafür einen hohen Preis. Wir müssen in einer Sprache kommunizieren, die wir nicht vollkommen beherrschen; wir brauchen Hilfe, um Texte auf hohem sprachlichen Niveau verfassen zu können; wir verlieren die Unmittelbarkeit unseres sprachlichen Ausdrucks, der unseren persönlichen Stil ausmacht; und jene, die auf einen besonders anspruchsvollen Stil setzen, um spezifische musikalische Sachverhalte oder andere komplexe Gedanken zu vermitteln, sehen sich auf verlorenem Posten.

Was kann man dem entgegenhalten? Bei aller Liebe zur Sprache und zur sprachlichen Eleganz dient wissenschaftliches Schreiben schlussendlich doch einem anderen Zweck als das literarische Schreiben. Obwohl die Art der Übermittlung von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist – wie etwas gesagt wird trägt zweifelsohne dazu bei, was gesagt wird –, geht es in der Wissenschaft doch zuletzt um die Übermittlung von Inhalten. Ausgezeichnete musikwissenschaftliche Texte sind erstmal eine ‘Ideenkunst’, bevor sie eine ‘Sprachkunst’ sind.

Anspruchsvoll schreibende Kolleginnen kann man daran erinnern, dass auch literarische Texte ohne große Reibungsverluste in andere Sprachen übersetzt wurden. Allen anderen empfehle ich, sich mit englischen ‘native speakers’ gut zu stellen, und wer nicht freundliche englische Kollegen oder sogar kompetente Familienmitglieder hat (wie etwa einen englisch publizierenden Partner oder eine Tochter, die im englischsprachigen Raum studiert), der muss auf professionelle Übersetzer zurückgreifen. Auch Universitätsverwaltungen sollten Hilfestellung anbieten, sei es personell oder finanziell. Denn international zu publizieren ist zwar hoch im Ansehen, wird in der Regel aber wenig unterstützt.

Zweifellos haben in dieser Situation jene einen ungemeinen Startvorteil, deren Muttersprache Englisch ist. Aber was hilft das Klagen? Jahrzehntelang hatten die deutschsprachigen Musikwissenschaftler die Sprachhoheit, und alle anderen mussten sich an ihnen orientieren. In Ungarn, Tschechien, Dänemark oder Niederlande – um nur einige Länder zu nennen, die an das deutsche Sprachgebiet angrenzen – war man immer schon gezwungen, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, wollte man mit seinen Publikationen über seine nationalen Grenzen hinaus wirken. Stoßen wir uns also nur dann an der Hegemonie einer Sprache, wenn sie nicht die unsrige ist?

Die Alternative, dass in Ländern mit starken Wissenschaftstraditionen neben Englisch auch alle alten Kultursprachen – Deutsch, Französisch, Italienisch – im Umlauf bleiben, ist eine Chimäre. Denn seien wir doch ehrlich: Wer von uns beherrscht all diese Sprachen auf solch hohem Niveau, um anspruchsvolle wissenschaftliche Texte voll und ganz zu durchdringen? Mit dieser Forderung betrügen wir uns nur selbst und ignorieren zugleich, dass mittlerweile – der Globalisierung sei Dank – auch Spanisch und Portugiesisch, aber auch Russisch und Chinesisch zu den großen Weltsprachen zählen. Wer soll dem noch gerecht werden?

Sinnvoller und effizienter scheint es mir daher, sich auf das gemeinsame Englisch zu konzentrieren und daran seine Fremdsprachenfähigkeiten fachlich zu schärfen. Eine gewisse Hoffnung sind die technischen Möglichkeiten, die das Internet bietet. Schon heute ist es möglich, in einem englischsprachigen online-Journal denselben Text auch in der Muttersprache der Autorin zu publizieren, und es ist durchaus denkbar, dass in der fernen Zukunft mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms jeder Text in jeder gewünschten Sprache auf einem ansprechenden Niveau zu lesen ist – auch wenn das heute noch sehr holprig vonstatten geht.

Jedenfalls hat es nicht viel Sinn, sich gegen eine Entwicklung zu sträuben, die nicht aufzuhalten ist. Wir können uns nicht leisten, in unserem Fach eine deutschsprachige ‘Blase’ zu bilden, aus der nichts herausdringt und in der anderssprachige Fachkollegen keine Teilhabe finden können. Es erscheint mir viel klüger, an dieser Entwicklung aktiv teilzunehmen, indem wir etwa unsere Studierenden schon von Anfang an mit englischsprachiger Fachliteratur konfrontieren und englische „abstracts“ ihrer Seminararbeiten verlangen. Auch Auslandssemester an einer englischsprachigen Universität tun das Ihre.

Zugleich bedeutet der Triumph des Englischen in der Wissenschaft noch lange nicht den sprachlichen Untergang der eigenen Muttersprache. Es gibt genug Gelegenheiten, die deutsche Sprache bei regionalen Veranstaltungen oder bei Publikationen mit einer gezielt eingeschränkten Leserschaft zu pflegen. Man muss auch nicht unbedingt Englisch sprechen, wenn es niemanden im Publikum gibt, der nicht auch Deutsch versteht. Und wenn es zum Beispiel um Schubertlieder geht, kann man meines Erachtens auf fremdsprachige Übersetzungen der Titel ohne Bedenken verzichten. Gretchen am Spinnrade klingt doch immer noch besser als Gretchen at the spinning wheel.

Ich persönlich selbst sehe es als lebenslange Herausforderung, meine sprachlichen Kompetenzen im Englischen zu verbessern. Immer noch lerne ich neue Vokabel und Redewendungen, und aus jeder Korrektur meiner englisch geschriebenen Texte ziehe ich eine weitere Lehre. Ein positiver Nebeneffekt ist die Fähigkeit, auch anspruchsvolle englischsprachige Belletristik in der Originalsprache lesen zu können, wodurch sich mir neue, aufregende Welten und Denkformen eröffnen. Aber nicht zuletzt bringt es mich im Fachlichen voran. Denn was mich als Wissenschaftlerin bei all dem antreibt, ist eine grenzenlose Neugier und das Bedürfnis nach Austausch mit meinen Kolleginnen. Und deshalb will ich auch alles verstehen können, und umgekehrt, von allen verstanden werden. Babel reloaded?

(mit Dank an Flora L. Brandl)