40 Jahre musik­wissen­schaftliche Gender­studien – Gedanken zum Prozess einer nach­haltigen Etablierung

von Susanne Rode-Breymann

Seit der Gründung des „Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik“ 1978 sind vier Jahrzehnte vergangen, in denen enorm viel auf dem Gebiet der musikwissenschaftlichen Frauenforschung (heute der musikwissenschaftlichen Genderstudien) geschehen ist. Es sind Sammlungen und Archive entstanden, es sind institutionelle Etablierungen an Musikhochschulen und Universitäten gelungen, wie sie sich in dem seit 2008 erscheinenden Jahrbuch Musik und Gender spiegeln, das von der Fachgruppe Frauen- und Genderstudien in der Gesellschaft für Musikforschung und den Professorinnen, deren musikwissenschaftliche Professuren mit Gender-(Teil‑)Denominationen versehen sind, verantwortet wird. Die umfangreichen Forschungen auf diesem Gebiet haben zur Gründung verschiedener Reihen wie z. B. „Europäische Komponistinnen“ geführt. Mit Blick auf das Erreichte ist es sicher nicht falsch zu behaupten, die Genderstudien seien im Fach angekommen. Beleg dafür ist auch, dass die Genderstudien im Zentrum der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung in Detmold/Paderborn 2019 stehen werden – und zwar aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Fachgruppe Frauen- und Geschlechterstudien in der Fachgesellschaft. Das gibt Anlass zu Reflexionen über die aktuelle Position der Genderstudien in der Musikwissenschaft in Deutschland. Wo stehen wir, was ist im Fach angekommen und akzeptiert, was bleibt trotz allem an der Peripherie, wie wird es weitergehen?

Ohne die emanzipatorische Dringlichkeit der Frauenbewegung der 1980er Jahre hätte es keine musikwissenschaftliche Forschung über Frauen gegeben. Nach dem Aufsehen erregenden Start, den die Veröffentlichung von Eva Riegers Frau, Musik und Männerherrschaft. Zum Ausschluß der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung 1981 markierte, ging es zunächst darum, Komponistinnen sichtbar und ihre Ausgrenzung bewusst zu machen sowie die gesellschaftlichen Repressionen darzustellen, durch die der Entfaltung und Professionalisierung musikalisch begabter Frauen enge Grenzen gesetzt waren. Ausgangspunkt der musikwissenschaftlichen Frauenforschung war es, nach den unbekannten Komponistinnen zu suchen. Ein wesentlicher Schwerpunkt lag dementsprechend in der zunächst außeruniversitär vorangetriebenen Sammlung, Archivierung und philologischen bzw. biographischen Aufarbeitung von vergessenen Werken und Lebenswegen. Dazu bedurfte es der in der Musikwissenschaft für Forschungen über Komponisten etablierten Methoden, so dass die Frauenforschung sich im Fach einfädeln und disziplinäre Spielräume erobern konnte. Und dies umso besser ab dem Moment, als mit der Einführung von Frauenbeauftragten an Hochschulen Forschung und Emanzipation zu zwei eigenständigen Aufgabengebieten wurden. Die Frauenbeauftragten trugen mit der Gleichberechtigungsforderung die Störung in das universitäre System hinein, die Erweiterung um frauenbezogene Forschungsthemen war dagegen keine disziplinäre Störung der Musikwissenschaft, sondern wurde dort gelitten wie etwa die ‚Kleinmeister-Forschung‘.

Einschneidendes Datum für einsetzende Veränderung des Fachs Musikwissenschaft durch die Frauenforschung war die Schaffung der ersten musikwissenschaftlichen Professur mit dem Schwerpunkt „Genderforschung – Musik von Frauen“ im Jahr 2000 in Detmold/Paderborn (im Rahmen des Gender-Netzwerkes Nordrhein-Westfalen), gefolgt von den Musikhochschulen in Köln, Hannover und Hamburg, die musikwissenschaftliche Professuren mit Genderforschungs-Schwerpunkten einrichteten. Durch diese Professuren konnte das Themenfeld in Forschung und Lehre weiter etabliert werden und an den wissenschaftlichen Nachwuchs herangetragen werden. Frei von emanzipatorischen Gleichstellungsaufgaben konnte sich die Frauenforschung in dieser Phase vom Duktus einer Benachteiligungsgeschichte lösen, von dem die Musikgeschichtsschreibung über Frauen anfangs geprägt war, und sich zur Geschlechterforschung weiterentwickeln. Es blieb zwar weiterhin ein Ziel, Frauen in der Musikgeschichte einen adäquaten Platz einzuräumen. Vor allem aber ging es nun aus kulturwissenschaftlicher Perspektive um musikkulturell relevante Geschlechter-Verhältnisse, d. h. um die Darstellung spezifischer Qualitäten und Quantitäten des kulturellen Handelns von Frauen und Männern: Musikbezogene Praxisformen (anhören, aufführen, beibringen, drucken etc.) geben den Blick frei auf den spezifischen Anteil von Frauen in Musikkultur, Bildung und Gesellschaft, und die historische Rekonstruktion des musikkulturellen Handelns von Frauen und Männern verschiebt die Aufmerksamkeit weg von den herausragenden (genialen) Komponisten hin zur Musikkultur an konkreten Orten und in konkreten politisch-kulturellen Bedeutungszusammenhängen.

Mit diesem kulturwissenschaftlichen Zugang wie auch mit der historiographischen Reflexion und Revision einer überwiegend aus männlicher Perspektive geschriebenen Musikgeschichte setzten die Genderstudien wirkungsmächtige, das Fach Musikwissenschaft verändernde Impulse. In vier Jahrzehnten wurden somit zwei Phasen – eine Duldung der Frauenforschung in der Musikwissenschaft und ein von den Genderstudien in die Musikwissenschaft hineingetragener Paradigmenwechsel – erfolgreich durchlaufen. Damit kann der Schwerpunkt ‚Gender’ als zentrales Forschungsgebiet der Musikwissenschaft als etabliert gelten.

Wie geht es weiter? Ein Blick ins Internet unter dem Schlagwort „Genderismus“ macht auf erschreckende Weise deutlich, wie gegen die Genderforschung und die Finanzierung von Frauen auf entsprechenden Professuren polemisiert wird. Auf „ScienceFiles. Kritische Wissenschaft – Critical Science“, einem Portal, das auf den ersten Blick wissenschaftlich zu sein scheint, war schon 2015 zu lesen: „Gender Studies haben keine Zukunft. Wer Gender Studies studiert, muss nicht nur damit leben, von Wissenschaftlern milde belächelt zu werden, als Freak, den die Zeit dem Vergessen anheim stellen wird, nein, er muss auch damit rechnen, von Gender-Kompetenten, die es auf eine von Steuerzahlern finanzierte Stelle geschafft haben, z.B. über die Seilschaft des Professorinnenprogramms, ausgenutzt, versklavt und zu Frondiensten abkommandiert zu werden.“ Angriffe solcherart mehren sich, haben Eingang in das Parteiprogramm der AfD gefunden: Die Gefahr eines massiven Roll-Back steht im Raum.

Im Band Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der so­zia­len Praxis hatte Pierre Bourdieu 1997 über Die männliche Herrschaft geschrieben: „Konstruiert und vollendet wird der männliche Habitus nur in Verbindung mit dem den Männern vorbehaltenen Raum, in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen. […] Von diesen Spielen […] faktisch ausgeschlossen, sind die Frauen auf die Rolle von Zuschauerinnen oder, wie Virginia Woolf sagt, von schmeichelnden Spiegeln verwiesen, die dem Mann das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen.“ Es ist, als gehe es nun verstärkt darum, die männliche Herrschaft in Gesellschaft und auch im Wissenschaftssystem zurückzuerobern. Das Wissenschaftssystem ist zunehmend konkurrenzgetrieben – und dabei gibt es etwa mit Themen wie Mobilität und Klimawandel „wichtigere“ Themen als es Genderthemen sind.

In diesem Kontext verschieben sich die Wertigkeiten erneut: Gender ist z. B. in den aktuellen Hochschul-Zielvereinbarungen in Niedersachsen noch enthalten, aber auf Platz zwölf von zwölf gerückt – als solle damit signalisiert werden: wenn alles Wichtige geschafft ist, dann gibt es da auch noch Gender. Weitere Menetekel sind: 1. Genderprofessuren (auch in der Musikwissenschaft) werden nicht mit dieser Denomination nachbesetzt – mit dem Argument, Genderkompetenz sei inzwischen so etabliert ist, dass das Themenfeld als Querschnittsaufgabe aller Lehrenden weitergeführt werden könne. 2. Genderforschungszentren oder Netzwerke, die aus Landesmitteln gefördert werden, solange in den Ministerien die der emanzipatorischen Frauenbewegung verpflichteten Frauen aus den Anfangszeiten noch nicht pensioniert sind, gehen einer vollkommen ungewissen Zukunft, so dass z. B. in Niedersachsen Ende des Jahres 2019 die Zahl dieser Institute u. U. auf die Hälfte zurückgeht und das aus privaten Drittmitteln geförderte Forschungszentrum Musik und Gender an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover möglicherweise das Institut mit der längsten Existenz sein wird. 3. Die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten erweitert sich derzeit hin zu Diversity. Diversity tritt als Konzept an die Stelle von Gleichstellung, die vor zwei Jahrzehnten an die Stelle von Frauenförderung trat: Hütchen über Hütchen, bis möglicherweise vergessen ist, dass es ursprünglich um die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen ging.

Immerhin hat – nun in den Künsten – eine erneute Debatte um die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Kulturbetrieb eingesetzt. Es herrscht kämpferische Aufbruchstimmung, ausgehend von einer nüchternen Analyse der Anteile von Frauen und Männern in den verschiedenen Kultursparten wie sie die 2016 vom Deutschen Kulturrat veröffentlichte Studie Frauen in Kultur und Medien vorgelegt hat. Die Befunde einer weiterhin bestehenden Diskriminierung von Frauen im Kulturbetrieb sind unübersehbar, auch in dem nach wie vor männlich dominierten klassischen Musikbetrieb. Dass die neuen Initiativen ähnlich vehement sind wie es die der Frauenbewegung der 1980er Jahre waren, hat damit zu tun, dass wir aber auch vier Jahrzehnte später „von einer echten Gleichstellung noch weit entfernt“ sind, wie Martin Hoffmann 2015 zu Recht in seinem Editorial im Magazin der Berliner Philharmoniker zum Thema „Frauen in der Klassik“ konstatiert. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte aus den Künsten auf die Wissenschaft überspringt und eine nachhaltige Etablierung von „Gender“ in der Musikwissenschaft befördern kann.

Zur Autorin: Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann ist Leiterin des Forschungszentrums Musik und Gender, Präsidentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und Vorsitzende der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK.