Beobach­tungen zur aktuellen digi­talen Lehre: Das modu­larisierte Seminar?

von Julia Freund

Da der Fokus dieses Beitrags auf einigen kritischen Beobachtungen im Kontext der Erfahrungen und des Erfahrungsaustausches der vergangenen Wochen liegt, sei eines vorausgeschickt: Die digitale Lehre funktioniert. Forschung und Lehre sind – zumindest in unserem Fach – nicht an das Gebäude der jeweiligen Institution gebunden. Wenn der Campus unzugänglich ist, kann es trotzdem weitergehen. Deutlich spürbar war und ist bei allen Beteiligten der Wille, dass das Sommersemester so gut und reibungslos wie möglich seinen Lauf nimmt.

Ist die Tür zu den herkömmlichen Seminarräumen verschlossen, öffnet sich zunächst ein gedanklicher Probier- und Spielraum. Der Möglichkeitssinn wird aktiv und trifft auf eine allgemein erhöhte Flexibilitätsbereitschaft der Umgebung. Wie stelle ich mir eine ideale Lehrsituation vor? Wie kann ich den Bedürfnissen der Studierenden bestmöglich gerecht werden? Lassen sich Elemente einer intensiven 1:1-Betreuung nach Oxbridge’schem Modell in mein Seminarkonzept einbauen? Zugegeben, Letzteres ist zu groß oder wohl eher zu klein gedacht. Zeitlich zu stemmen wäre dies nur bei Seminaren in Kleinstgruppengröße. Und doch kann ein solcher Gedanke – in reduzierter Form – Einzug in das Veranstaltungsdesign finden: Anstelle von Referaten können Essays oder andere Textformen angeregt und dann (freilich nicht ohne ein Mehr an Zeitaufwand) individuell besprochen werden.

Die mitunter recht anstrengende Seminarzeit des intensiven Blickens auf und Interagierens mit dem Bildschirm lässt sich effektiv verkürzen, wenn die einführenden Gedanken und Kontextualisierungen für jede Sitzung auf Folien eingesprochen und vorab verschickt werden. Dies erlaubt den Studierenden auch ein wiederholtes Anhören der Ausführungen, und zwar im je eigenen Verstehenstempo. Zudem können – wie vielerorts von den neu gebildeten oder bereits bestehenden Kompetenzteams zur virtuellen Lehre empfohlen – Teile der Seminardiskussion asynchron in Foren und Chaträumen geführt werden. Gut machbar ist dies allemal, sind doch viele Gegenstände musikwissenschaftlicher Befragung wie Musikaufnahmen, Texte und Partituren elektronisch übermittelbar oder bereits digital zugänglich. Und der Modus asynchronen Diskutierens bringt in der Tat einige Vorteile: Man kann ausführlicher auf die Beiträge der Teilnehmer*innen eingehen; das schriftliche Ausformulieren von analytischen Befunden mit genauen Taktangaben und präzisen Erläuterungen erleichtert Studierenden aus den ersten Semestern oder anderen Fächern das Mitverfolgen der Diskussion. Doch auch die Grenzen eines schriftlichen Austausches werden schnell bemerkbar: Häufig ist das Gespräch zäh, neue Richtungen bahnen sich nur mühsam an. Ferner lässt sich der Eindruck nicht abschütteln, dass das Format der schriftlichen Diskussion eine Haltung hervortreibt, die darin eine (Haus-)‚Aufgabe‘ zu erledigen sieht. Ist der Wortbeitrag hinterlassen und die Aufgabe abgehakt, geht die Diskussion ein.

Und wie gestaltet sich die Seminarsitzung im Modus des virtuellen Meetings? Grundsätzlich funktionieren Webkonferenzsysteme wie z. B. Webex, mit denen sich die Sitzungen in den virtuellen Raum verlagern lassen, recht gut. Eine geteilte Hörerfahrung wie in den soundtechnisch idealerweise gut ausgestatteten musikwissenschaftlichen Seminarräumen lässt sich allerdings kaum herstellen. Diese fungiert jedoch häufig als zentrale Ausgangsbasis für das sich anschließende Gespräch. So beschränkt sich also das gemeinsame Musikerleben auf einzelne Passagen, die ich aus pragmatischen Gründen im Vorhinein auswähle, mit dem Ergebnis, dass die Diskussionen in gewisser Hinsicht vorstrukturiert, schlechtestenfalls kontrolliert sind, jedenfalls an grundlegender Offenheit verlieren. Eine Frage begleitet mich seit Semesterstart: Wie sehr wird meine Handhabung und Gestaltung eines Seminars durch die spezifische mediale Disposition des virtuellen Seminarraums beeinflusst?

Ohne Frage leistet die Hochschuldidaktik derzeit einen enormen Beitrag. Doch Slogans à la ‚Lehrveranstaltungen im digitalen Raum einfach durchführen‘ geben zu denken. Sie suggerieren, auch das Format des Diskussionsseminars lasse sich mithilfe einiger Anregungen zu abweichenden Lehr- und Lern-Szenarien erfolgreich in den virtuellen Raum übertragen. Aber ist dies wirklich mit ein paar Griffen in die digitale Toolbox getan?

Digitale Werkzeuge wie Diskussionsforen, Videos oder Wikis, die ich im Übrigen selbst gerne verwende, sind im Einzelnen zweifellos sinnvoll. Doch macht sich darin eine Tendenz zur Modularisierung der Seminarsitzungen bemerkbar, die problematisch, zumindest aber bedenkenswert und diskussionswürdig ist. Die Zerlegung der Sitzung in gut verdauliche Einheiten ist nicht ohne Auswirkung auf die zu vermittelnden Inhalte: Die im 90-minütigen Sitzungsformat immer mal wieder spürbare Widerständigkeit von historischen Phänomenen, sich in übersichtliche Module einpassen zu lassen, scheint abhanden zu kommen; eine zu große Klarheit wird suggeriert, die den behandelten Gegenständen nicht immer gerecht wird. Auch frage ich mich, inwiefern sich eine solche Kompartmentalisierung auf die Ausformung der Fähigkeiten, eigenständig Zusammenhänge zu erschließen und sich in wissenschaftlichen Diskursen zu bewegen, auswirkt.

Eine andere qualitative Veränderung in der digitalen Lehre betrifft die ‚schweigende Masse‘, die freilich schon immer zum Erscheinungsbild von Seminaren gehörte. Es gibt viele nachvollziehbare Gründe für Studierende, ohne Bild und Ton an einer Web-Sitzung teilzunehmen. Und sowieso gilt: Die Form der stillen, mitunter sehr aktiven inneren Partizipation kann für Einzelne viel ergiebiger sein als unter dem ständigen Druck einer Wortmeldung zu stehen. Doch was im Seminarraum bereits die physische Anwesenheit verbürgt – zumal in der gesteigerten Form des fragenden Blickes, Nickens, Stirnrunzelns, Kopfschüttelns oder Stöhnens –, nämlich das Beteiligtsein an der Seminardiskussion, kann durch das körperlos-starre Avatarbild nicht ersetzt werden. Für mich als Lehrende ist dieser radikale Entzug der Sicht- und Hörbarkeit bei ausgeschaltetem Mikrophon und Kamera irritierend, was mich zu der Überlegung führt, ob nicht der virtuelle Seminarraum von allen Beteiligten eine andere Form des Präsent-Seins erfordert. (Ob Bildschirmfenster und virtuelle Welt gar eine veränderte Rezeptionshaltung bei den Seminarteilnehmer*innen evozieren, ist in den digitalen Pendants der Flurgespräche ein derzeit viel diskutiertes Thema.)

Wie werden sich die nun allseits realisierten digitalen Formate auf die Hochschullehre nach Corona auswirken? Die Vorstellung, sich überall auf der Welt bei Vorträgen in Oberseminaren und Symposien zuschalten zu können, ist nicht nur verlockend, sondern in Hinblick auf eine stärkere Durchlässigkeit der Fachkulturen sowie generell eine Erweiterung des eigenen disziplinären Horizonts wünschenswert. Technisch möglich ist dies schon lange – mit zunehmender Bereitschaft und Gewöhnung an virtuelle Zusammenkünfte aufgrund der aktuellen Erfahrungen werden solche Formate vermutlich auch nach Ende der Corona-Beschränkungen erprobt und durchgeführt. Auch für die Positionierung der Universitäten in der Gesellschaft liegt hier ein Potenzial: Denn einzelne für oder aus Lehrveranstaltungen entstandene Videos könnten recht mühelos auf den entsprechenden Kanälen der Einrichtung einer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Die flächendeckende Umstellung auf die digitale Lehre wird nicht spurlos an den Hochschulen vorbeigehen, doch was das genau bedeutet, lässt sich noch nicht absehen. Ist es abwegig, dass etwa im Zeichen von Personaleinsparungen die Überlegung aufkommen wird, bereits aufgezeichnete Vorlesungen wiederholt zu verwenden? Oder in enger Vernetzung mit anderen Hochschulen die Live-Vorlesungen anderer Standorte in die Curricula zu integrieren? Dass die produktiven Aktualisierungen der Lehre durch die Forschung ein Stück weit verloren gingen und die Vorstellung einer standardisierten Vorlesung etwa zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts sowieso undenkbar ist, muss vielleicht nicht eigens bemerkt werden. Und freilich sind das nur Spekulationen, zudem punktuelle. Doch auch vor dem Hintergrund solcher Überlegungen (die andernorts bereits Realität sind) ist es wichtig, die Konsequenzen und Implikationen digitaler Lehrformen in einer kollektiven Anstrengung zu reflektieren und medientheoretisch differenzierte Positionen zu formulieren – und zu beziehen.

Ein Postskriptum sei noch erlaubt. Denn mit der Umstellung auf die digitale Lehre geht eine weitere Verschärfung einher, die bekannt ist, aber nicht unerwähnt bleiben soll: Der Mehraufwand, der sich u. a. mit der vergegenständlichenden Aufzeichnung ansonsten nur in der Seminarsituation formulierter Überlegungen einstellt, vergrößert einmal mehr die Kluft zwischen der vertraglich festgelegten und tatsächlich erforderlichen Zeitinvestition für die Lehrtätigkeit. Kolleg*innen, die an ihren Dissertationen arbeiten und etwa aufgrund unbesetzter Stellen über ihr Deputat hinausgehen (müssen), können sich kaum noch ihren Qualifikationsarbeiten widmen.

Zur Autorin: Dr. Julia Freund ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen.