🦠 Studieren: ein ganzheitliches Erlebnis

von Simon Heimmerl

Loggt man sich in diesen Tagen als Studierender der LMU München in das universitätseigene Portal Lehre, Studium, Forschung (LSF) ein, so erscheint folgende prominent platzierte Meldung: „Gemäß Mitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst vom 10.03.2020 ist der Lehrbetrieb in Präsenzform unverzüglich bis auf Weiteres einzustellen.“ Der Studienalltag ist demnach momentan von virtuellen Zoom-Meetings, Break-Out-Sessions, Präsentationen über Bildschirmübertragung und regem E-Mail-Verkehr geprägt. In den Bibliotheken wird ein möglichst effizienter und kontaktloser Ausleihvorgang versucht zu ermöglichen, der die Aufenthaltsdauer auf ein Minimum reduzieren soll. Wie wir als Studierende diesen aktuellen Zustand des digitalen Studiums in der veränderten Form der Fernlehre erleben, hängt dabei wohl maßgeblich von unseren individuellen Erwartungshaltungen ab, die wir grundsätzlich an Studium und Studieren setzen. Es sei vorausgeschickt, dass die folgenden Beobachtungen nicht die derzeitige Situation in der digitalen Lehre zu diskreditieren versuchen. Die Durchführung des aktuellen Semesters wäre ohne die Verlagerung in den virtuellen Raum nicht möglich gewesen und stellt sich, angesichts der Corona-Maßnahmen, als die bestmögliche Kompromisslösung dar. Vielmehr soll meine Reflexion einige Defizite aufzeigen, die sich aus dem gegenwärtigen Studienalltag ergeben. Damit möchte ich mit Blick nach vorne schließlich die Frage anregen, in welche Richtung Studium und Studieren im Generellen auch in Zukunft tendieren können.

Die Unterrichtssituation im virtuellen Raum produziert eine veränderte Kommunikationsstruktur, die sich schließlich auch in einer anderen Form der Anstrengung äußert. Da wir in den virtuellen Seminarsitzungen meist nur – wenn überhaupt – das Gesicht von Dozierenden und Studierenden sehen, fehlt uns die zentrale Kommunikationskomponente der Körpersprache, um Informationen adäquat artikulieren und interpretieren zu können. Außerdem sind wir es (noch) nicht gewohnt, permanent in einer kafkaesken Beobachtungssituation zu stehen. Ob Dozierende oder Studierende einen im Moment anblicken, wird aus der „Fenstermatrix“ von Zoom oder anderen Bildtelefonie-Diensten nicht ersichtlich. Das Erlebnis des beiderseitigen Augenkontakts ist nicht möglich, was der Konversation zudem einiges an Unmittelbarkeit und persönlicher Verbundenheit raubt. All dies sind Teilaspekte von fundamentalen Verschiebungsprozessen der Kommunikationsstruktur innerhalb virtueller Medien, in der die Anwesenheit durch die Repräsentation ersetzt ist.

Freilich kann die Situation in der digitalen Fernlehre von Studierenden auch als Entlastung wahrgenommen werden. Entfallende An- und Abfahrten und die Anbindung an den häuslichen Rahmen sehe ich als Vater einer kleinen Tochter durchaus positiv. Die derzeitige Vermengung von Universitäts- und Privatleben im Home-Office kann jedoch auch zu einer Herausforderung werden – stellt sich die Trennung zwischen Studienalltag und Privatsphäre doch als weitaus schwieriger dar, wenn die örtliche Abgrenzung nicht mehr gegeben ist. Holt man sich die Vorlesung oder das Seminar via Bildtelefonie in die eigene Wohnung oder ins WG-Zimmer, so sieht man sich zunächst gezwungen, auch selbst Einblick in seinen intimen Privatraum zu bieten. Die Positionierung vor repräsentativen Bücherregalen, möglichst neutralen weißen Wänden oder die Anwendung virtueller Hintergründe ist dabei für die empfundene Invasion in den privaten Raum bezeichnend.

Der aktuelle Zustand in der digitalen Fernlehre führt uns jedoch auch vor Augen, wie sich gegenwärtig Studium und der Vorgang des Studierens im Generellen verändern. Die momentane Situation der Behelfslösungen und Kompensationen provoziert bei mir eine Besinnung auf die normative Frage, was Studium und Studieren in erster Linie sein soll. Ginge es im Studium lediglich um die Anhäufung von Wissen mit der anschließenden Abprüfung in Klausuren und Hausarbeiten, um schließlich einen Hochschulabschluss in Händen zu halten, so ließen sich diese Ansprüche ohne Probleme ausschließlich online und durch virtuelle Seminarsitzungen erfüllen. Vielmehr sehe ich das universitäre Studieren als ganzheitliches Erlebnis, bei dem örtliche Begebenheiten, die Universität als sozialer Raum der Zusammenkunft und eine unmittelbare Nähe zu akademischen Persönlichkeiten durchaus wichtige Faktoren darstellen. Ein anderes Bild und damit eine veränderte Wirkung entsteht, wenn Professor*innen nicht mehr vor dem gefüllten Audimax ihre Gedanken und Überlegungen durch den Saal schreitend ausbreiten. Ihr Blick in die Reihen bis zum obersten Rang wird stattdessen durch ein Starren in die Kamera eines Laptops ersetzt. Der Unterschied zwischen einem leibhaftigen Live-Erlebnis und einer reproduzierbaren Aufnahme ist uns aus der Musikwissenschaft ja allzu vertraut. Zum Studieren gehört ebenfalls die Bildung von persönlichen Netzwerken zwischen Studierenden, die weiterführende Diskussionen und die Entwicklung von Freundschaften ermöglichen. Studiert jeder für sich von zu Hause aus und vor seinem eigenen Computer, so besteht die Gefahr, dass sich das Studieren im Kollektiv in die Ansammlung vereinzelter Studierender verwandelt. Ferner braucht es den persönlichen Kontakt zwischen Studierenden und Dozierenden im Studium. Damit diese nicht als reine Wissensvermittler agieren, sondern auch durch ihre Persönlichkeit auf Studierende wirken können, bedarf es einer gewissen Unmittelbarkeit, die ich im derzeitigen Zustand der digitalen Lehre nicht adäquat gegeben sehe. Das betrifft auch die individuelle Betreuung von Studierenden, die aktuell nur in Form von E-Mails gewährleistet werden kann.

In der momentanen Situation der digitalen Fernlehre sehen wir also eine Einengung auf die basalen Angebote universitärer Lehre. Einige Komponenten des Studierens in seiner ganzheitlichen Ausdehnung können derzeit nicht erfüllt werden. Die aktuelle Phase stellt eine Chance dar, sich einerseits Strukturen der Lehre und andererseits Erwartungshaltungen an Studium und Studieren bewusst zu machen, um in Zukunft entsprechende Schwerpunkte zu setzen. Vielleicht gelingt es, einige Erkenntnisse, die in dieser Zeit ex negativo gewonnen wurden, auch in die folgenden Semester zu übertragen.

Zum Autor: Simon Heimmerl studiert im Bachelor Musikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.