|BLM&Musik­wissen­schaft| Postkarte aus Southampton

von Thomas Irvine

Der Brite Edward Colston war ein mörderischer SklavenhĂ€ndler. Von seinen Schiffen wurden einst versklavte Afrikaner, die wegen Krankheit fĂŒr seine Royal African Company nichts mehr „wert“ waren, lebendig in den sicheren Tod von Bord geschmissen. Deshalb wirkte der Moment, in dem seine Statue in den Hafen der UniversitĂ€tsstadt Bristol platschte, auf mich und viele andere wie eine Erleichterung. Endlich passierte einmal etwas, auch wenn es tragischerweise den brutalen, öffentlichen Polizeimord an George Floyd und das darauffolgende Wiederaufflammen der Black-Lives-Matter-Bewegung brauchte, um so weit zu kommen. Die Statue, von stolzen BĂŒrgern in der spĂ€ten Viktorianischen Zeit errichtet, erinnert(e) an Colstons WohltĂ€tigkeit. Schon vor Jahren entbrannte ein heftiger Streit darĂŒber, ob ein Mann, der sein Vermögen dem Menschenhandel verdankte, noch so ein Monument verdiene. Viele Jahre des Hin und Her brachten keine VerĂ€nderung. Man stritt ĂŒber VorwĂŒrfe von „Geschichtsklitterung.“

Das Wort ist deutschen Leser*innen wohl bekannt. Nur hier, in England, standen die Zeichen umgekehrt. Man mĂŒsse die Statue schon stehen lassen, lautete das Argument, wegen Colstons vieler guten Taten, und im Übrigen sei das mit der Sklaverei ja zu Colstons Zeit leider weitgehend hof- und salonfĂ€hig gewesen. Bristols schwarze BĂŒrger, auf die die Statue wie eine bedrohende Beleidigung wirkte, hĂ€tten das bitteschön zu verstehen. Mir – einem Wahlbriten US-amerikanischen Ursprungs, der auch lange in Deutschland gelebt hat – kam das vor, als ob man in Deutschland eine Hermann-Göring-Kaserne noch so heißen ließe, da der dicke Reichsmarschall so viel Gutes fĂŒr die deutsche Luftfahrtindustrie getan habe, und die NS-Herrscher bekannterweise – leider! – demokratisch gewĂ€hlt worden waren. Diejenigen, die daran Anstoß nehmen, etwa BĂŒrger*innen jĂŒdischen Glaubens oder Menschen, die keine Nazis mögen, sollten da Nachsicht ĂŒben. Was in Deutschland undenkbar ist, gilt hier als schlaues Realistenargument.

Musikkenner*innen wussten auch von der Colston-Sache, da ein schöner Konzertsaal – neulich fĂŒr teures Geld renoviert – nach ihm benannt worden ist, oder war. Schon vor Colstons Sturz wurde beschlossen, den Saal umzubenennen (auf wen oder was steht noch nicht fest). Erst heute, am 15. Juni 2020, aber wurde Colstons Name von der Fassade des Konzerthauses entfernt. Die Statue wurde ĂŒbrigens schon nach wenigen Tagen aus dem Wasser gefischt und soll ins Stadtmuseum, wo sie schon lange hingehört. Die Fachkuratoren dort haben vor, die Statue inklusive der Spuren seiner gewalttĂ€tigen Entfernung wieder aufzustellen. Das passt zu einem Mann, der tausende Menschen, unter ihnen viele Kinder, mit den Initialen seiner staatlichen Monopolfirma buchstĂ€blich hat brandmarken lassen, bevor er sie in den frĂŒhen Tod in der Plantagen-Hölle der britischen Karibik geschickt hat.  

Der Gedanke, dass Colstons Wassertaufe Erleuchtung bringen könnte, hielt nicht lange vor. Schon nach wenigen Tagen kamen neue VorwĂŒrfe der „GeschichtsfĂ€lschung“, vor allem nachdem Demonstranten das Wort „Racist“ auf das Churchill-Denkmal auf dem Parliament Square in London geschmiert hatten. Obwohl es kaum einen gibt, der allen Ernstes behauptet, der Kriegspremier sei kein Rassist gewesen, war das wohl ein Schritt zu weit fĂŒr Parteien (inklusive Opposition) und Presse. Sofort war der Churchill-Biograf Boris Johnson, der durch den schweren Verlauf von Covid-19 hierzulande arg in politische BedrĂ€ngnis gekommen ist, mit dĂŒsteren Mahnungen zur Stelle: Wir dĂŒrfen keine LĂŒgen ĂŒber unsere Geschichte tolerieren! [paywall]. Manche Kollegen versuchen, dagegen zu wirken. Nicht unsere Statuen, sondern wir Menschen erzĂ€hlen Geschichte, wird von meiner Southampton Kollegin Charlotte Lydia Riley zu recht argumentiert. Es bleibt zu bezweifeln, ob in dem ganzen LĂ€rm irgendjemand diese Wahrheit hört. Die Diskussion wird sich wohl lange in eine eher unergiebige Richtung bewegen.

In der britisch-europĂ€ischen Musikgeschichte gibt es auch unangenehme Sklavereiverstrickungen. Kein Geringerer als George Frederic Handel (um die von ihm prĂ€ferierte Schreibweise seines Namens zu benutzen) war einige Jahrzehnte nach Colstons Tod Investor in der Royal African Company. Wie der Musikhistoriker David Hunter dargelegt hat, verdiente der Komponist an der Versklavung von Menschen gutes Geld. Und nicht nur Handel. Neulich hat Hunter eine weitere Studie vorgelegt, die zeigt, wie die Familie Mozart mit dem reichen Plantagenbesitzergeschlecht Beckford in England und Italien verkehrte, und wie Peter Beckford, Besitzer von 662 Versklavten auf Jamaika, auf einer Romreise den 14-JĂ€hrigen Muzio Clementi von dessen Vater „gekauft“ hat. Dass etwaige Handel-Statuen nun auch ins Wasser mĂŒssen, ist zu bezweifeln. Aber ganz unangekratzt werden sie wohl nicht bleiben. Die Aufgabe wĂ€re, diese Musik, die vielen von uns soviel bedeutet, besser und menschlicher zu hören und zu verstehen, auch wenn ein solches Verstehen weh tut.

Noch schlimmer bedrĂ€ngt uns die Gegenwart. In diesen Tagen haben hunderte von Studierenden und Lehrenden einen offenen Brief an die Music Faculty der Cambridge University unterschieben, der eine flĂ€chendeckende Entkolonisierung des Faches an der Traditionsuni fordert. Die Institutsleitungen an den britischen UniversitĂ€ten bleiben meistens stumm, was vielleicht erst einmal weiser ist, da wohl niemand weitere scheinheilige SolidaritĂ€ts- und Leidesbekundungen braucht. Denn die Lage, die in dem Brief der Cambridge Studierenden geschildert wird, ist beschĂ€mend. Im ganzen Lande kann man die Zahl von Schwarzen Doktorand*innen und Postdocs – geschweige denn Festangestellten! – in der Musikwissenschaft wahrscheinlich an einer Hand abzĂ€hlen. Bei den Undergraduates, sieht es, soweit ich es beurteilen kann, kaum besser aus. Musikwissenschaft (inklusive Music Theory und Ethnomusicology) wird hierzulande zusammen mit dem ebenso an DiversitĂ€t mangelnden Fach Komposition gelehrt. Die Whiteness unseres gemeinsamen Unternehmens ist ĂŒberwĂ€ltigend, und von einer Entkolonisierung des Lehrplans sind wir noch weit entfernt. Es ist nun allerhöchste Zeit, mit Demut, Reue und ja einer Prise Rage dieser unertrĂ€glichen Lage ein Ende zu setzen.

Zum Autor: Thomas Irvine ist Associate Professor in Music an der UniversitĂ€t Southampton. Sein Essay ĂŒber Hubert Parrys „white supremacist“ Musikgeschichtsschreibung ist wegen der gegenwĂ€rtigen Situation frei abzurufen.