|BLM&Musik­wissen­schaft| Die rosa-weiße Brille in der Musik­wissen­schaft

von Lisa-Maria Brusius

Eine Kommentarlawine unter einem Blog-Artikel löste Anfang 2016 eine heftige Debatte über Rassismus in der US-amerikanischen Musikwissenschaft aus.[1] Auf dem Blog Musicology Now der American Musicological Society (AMS) und in sozialen Netzwerken machten Musikwissenschaftler*innen unter dem Hashtag #AmsSoWhite auf ihre Erfahrungen mit strukturellem Rassismus in einer von weißen Wissenschaftler*innen dominierten Disziplin aufmerksam.

In der Musikwissenschaft in Deutschland verkroch man sich derweil hinter den Otello-Partituren. Kaum jemand, auch nicht die kulturgeschichtlich arbeitende Musikwissenschaft und die Musikethnologie, brachte das Thema in den fachpolitischen Diskurs ein. Die Debatte wurde weitgehend ignoriert, bisweilen (immerhin) registriert und heruntergespielt. Offenbar dachte man: Deutschland ist nicht die USA; hier gibt es ohnehin keine nennenswerte nicht-weiße Minderheit, die das Bedürfnis hätte, Musik zu studieren, geschweige denn zu erforschen; Hochschulen stehen hier doch allen offen; und schließlich hat sich bisher keine Schwarze Person oder Person of Color (PoC) beschwert, aus der musikwissenschaftlichen Fachgemeinschaft ausgeschlossen zu sein.

Doch was, wenn das Problem mangelnder Vielfalt in der Musikwissenschaft existiert, aber schlichtweg nicht gesehen wird? Und wenn die Einfalt der Musikwissenschaft nicht ein Zeichen für das Desinteresse von Schwarzen Menschen und PoC ist, sondern gerade ein Ergebnis davon, dass ihre Stimmen kaum im Fach existieren?

Nicht gesehen wird struktureller Rassismus, weil Daten zu Ethnizität oder gar zu einer vermeintlichen „Rasse“ in offiziellen Statistiken aus nachvollziehbaren historischen Gründen nicht erfasst werden.[2] Er bleibt unsichtbar, weil Zahlen diese Form der strukturellen Ungleichheit meist nicht widerspiegeln. In Deutschland wird zwar der sogenannte Migrationshintergrund demographisch erhoben (2018 hatte jede vierte Person in Deutschland einen), diese Kategorie sagt allerdings nichts über phänotypische Differenzen aus, die bei rassistischer Diskriminierung eine große Rolle spielen. Während Institutionen beispielweise Aussagen über die Repräsentation von Frauen unter ihren Beschäftigten treffen können, fehlt die empirische Grundlage, um ähnliche Aussagen auch über Menschen zu treffen, die als nicht-weiß markiert werden. Eine Unterrepräsentation kann so nicht belegt und mehr Repräsentation schwer eingefordert werden. In der Folge werden Rassismuserfahrungen oft als subjektiv und nicht repräsentativ abgetan.

Zahlreiche Menschen in Deutschland erfahren allerdings Ungleichbehandlung und rassistische Diskriminierung durch Individuen und Institutionen. Eine Analyse des Sachverständigenrats Deutscher Stiftungen für Integration und Migration von 2018 fand beispielsweise heraus, dass von Menschen, deren Äußeres auf eine Zuwanderungsgeschichte hinweist, 48 Prozent Diskriminierungserfahrungen gemacht hatten. Unter denjenigen, bei denen dies durch einen Akzent hörbar war, waren es sogar 59 Prozent. Auch wenn diese Zahlen ein klarer Hinweis auf die Existenz rassistischer Diskriminierung sind, lassen sie keine direkten Rückschlüsse auf das konkrete Ausmaß von Rassismus zu.

Paradoxerweiser ist die Sichtbarkeit von Rassismus somit grundlegend davon abhängig, dass Menschen, die das Privileg haben, nicht von Rassismus betroffen zu sein, denjenigen glauben, die diese Erfahrungen ihr Leben lang machen müssen. Der gängige Verweis darauf, dass es „Rasse“ nicht gebe, ist zwar aus biologischer Sicht korrekt, gleichzeitig aber überheblich. Denn für Menschen, die aufgrund einer zugeschriebenen „Rasse“ diskriminiert oder strukturell benachteiligt werden, ist sie dennoch real. Autor*innen wie Noah Sow, Tupoka Ogette oder Alice Hasters erklären dies seit Jahren mit viel Ausdauer.[3]

Gibt es auch in der Musikwissenschaft einen blinden Fleck beim Thema Rassismus? Möglicherweise. Wie stark Schwarze Personen und PoC an musikwissenschaftlichen Instituten vertreten sind und ob sie Diskriminierungserfahrungen machen, ist unklar. Daher hilft es zunächst nur, das eigene professionelle Umfeld zu betrachten: Wie weiß sind die Studierenden, die (wissenschaftlichen) Mitarbeiter*innen, die Professor*innen am eigenen Institut? Manch eine*r wird zum Ergebnis kommen: sehr weiß.

Auf Grundlage dieser Feststellung anzunehmen, dass in der Musikwissenschaft alles wunderbar ist, da es kaum Studierende oder Wissenschaftler*innen gibt, die Gefahr laufen, rassistisch diskriminiert zu werden, wäre allerdings genau die falsche Schlussfolgerung. Denn diejenigen, die von vornerein von Diskursen ausgeschlossen sind, können nicht sprechen. Das Schweigen von Schwarzen Menschen und PoC ist selbst der drängendste Hinweis auf ihren strukturellen Ausschluss.[4] In gewisser Hinsicht ist die Situation in der Musikwissenschaft in Deutschland also um einiges vertrackter als in den USA: Es fehlt nicht nur das Podium für die (bedenkenlose) Äußerung von Ansprüchen auf Teilhabe und die Machtposition, um etwas zu verändern, sondern obendrein eine kritische Masse an Personen, die mangelnde Diversität an musikwissenschaftlichen Instituten überhaupt als Problem versteht.

Die Notwendigkeit für mehr Diversität in der Musikwissenschaft lässt sich einfach begründen. Man kann das Argument anführen, dass Diversität Innovationspotential und Exzellenz fördert, oder mit Verweis auf postkoloniale Theorien historisch gewachsene Machtstrukturen verdeutlichen und kritisieren. Der Grundsatz der Chancengleichheit muss aber auch ganz ohne Verweis auf diese Theorien als Mindeststandard gelten. Im Grunde genommen ist es genau so simpel, wie es die Neuen deutschen Medienmacher*innen, ein Zusammenschluss aus kulturell und sprachlich diversen Medienschaffenden, auf ihrer Webseite feststellen: „Wir sind nicht die besseren Journalist*innen. Aber auch nicht die schlechteren“.

Gleiche Repräsentation im Fach Musikwissenschaft kann aufgrund der obengenannten diskursiven Machtverhältnisse nicht davon abhängen, dass Ungleichbehandelte den Mund aufmachen. Es ist überdies nicht die Aufgabe derer, die aus dem System ausgeschlossen werden, dies zu ändern.[5] Die Verantwortung liegt bei denjenigen, die das fehlerhafte System aufrechterhalten und Entscheidungsmacht haben. Bequeme Ignoranz, die nebenbei die eigenen Privilegien sichert und sie anderen verwehrt, ist der Kern des Problems. Um etwas daran zu ändern, reicht es nicht aus, „kein Rassist“ zu sein, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Gespräch über Rassismus in Deutschland mahnte, das nach der Ermordung George Floyds im Mai 2020 durch die US-Polizei veranstaltet wurde: Ein expliziter „Antirassismus“ sei nötig, sagte er und zitierte damit die Schwarze Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Y. Davis (ohne sie zu erwähnen).

Institute, Hochschulen und Fachgesellschaften stehen in der Pflicht, mehr über ihren eigenen institutionellen Rassismus herauszufinden und ihn zu diskutieren (von Klassismus, Sexismus und Ableismus ganz zu schweigen). Für die Musikwissenschaft bedeutet das: Sie muss strukturellem Rassismus im Fach aktiv und langfristig entgegenwirken, selbst dann, wenn sie ihn nicht sieht. Sie sollte Mechanismen identifizieren, welche die Vielfalt von Studierenden und Lehrenden an musikwissenschaftlichen Institutionen verhindern – in den Schulen und Musikschulen, in den Zugangsvoraussetzungen zum Studium, in Curricula, im musikalischen und bibliografischen Kanon, in der Kultur von Konzert- und Opernhäusern,[6] in der Besetzungspolitik, in Fach- und Hochschulgremien. Und sie muss diese nachhaltig verändern – eigentlich schon vorgestern.

Am 12. Juni 2020 kritisierte Dr. Danielle Brown, ehemals Assistant Professor an der Syracuse University, in einem offenen Brief Rassismus in der US-amerikanischen Musikwissenschaft. Sie adressierte vor allem die Musikethnologie, an deren Selbstverständnis ihre Vorwürfe empfindlich kratzten. In der Society for Ethnomusicology führte der Brief zu einer notwendigen Debatte, die in Deutschland immerhin in der Fachgruppe Musikethnologie der Gesellschaft für Musikforschung angekommen ist. Es könnte eine zweite Chance sein. Um strukturellem Rassismus effektiv entgegenzuwirken, ist eine Fachgruppe allerdings nicht genug.

Zur Autorin: Dr. Lisa-Maria Brusius ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Musikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt.


[1] Bei dem Artikel handelte es sich um Pierpaolo Polzonettis „Don Giovanni Goes to Prison: Teaching Opera Behind Bars“, der am 16.2.2016 auf dem Blog Musicology Now erschienen war; archivierte Kommentare zu dem Hashtag finden sich hier.

[2] Vgl. Linda Supik, Statistik und Rassismus: Das Dilemma der Erfassung von Ethnizität (Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2014), 16–17; vgl. Naika Foroutan, „Postmigrantische Gesellschaften“, in: Einwanderungsgesellschaft Deutschland: Entwicklung und Stand der Integration, hrsg. von Heinz Ulrich Brinkmann und Martina Sauer (Wiesbaden: Springer Fachmedien, 2016), 242; Daniel Gyamerah im Interview mit Carsten Janke, „,Wir brauchen mehr Daten, um Betroffene zu stärken‘“; die Diskussionen über eine mögliche Streichung des Begriffs „Rasse“ aus dem Grundgesetz im Juni 2020 illustriert eine ähnliche Problematik: Die Differenzkategorie „Rasse“ muss zu einem gewissen Grad diskursiv reproduziert werden, wenn rassistisch motivierte Diskriminierung sichtbar und kritisierbar sein soll.

[3] Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiß: der alltägliche Rassismus (München: Bertelsmann, 2008); Tupoka Ogette, exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen (Münster: Unrast, 2017); Alice Hasters, Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten (Berlin: hanserblau, 2019).

[4] Der Soziologe und Bildungsforscher Aladin el-Mafaalani argumentiert, dass es ein Zeichen gelungener Integration sei, wenn Rassismus und Diskriminierung als Konflikte überhaupt erst in Erscheinung treten und artikuliert werden. Folgt man seinem Argument, könnte dies im Umkehrschluss darauf hindeuten, dass Integration in der Musikwissenschaft noch nicht stattgefunden hat. Vgl. Aladin el-Mafaalani, Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt (Kiepenheuer & Witsch, 2018).

[5] Alice Hasters erklärt dies als eine Form der „Bringschuld“, bei der von rassistisch Diskriminierten erwartet wird, dass sie die Lösung des Problems selbst bereitstellen. Vgl. Hasters im Interview mit Andreas Krieger.

[6] Dies wird zum Beispiel geschildert in Hartmut Welscher’s Artikel „Beinahe ganz oben“ und Olivia Giovetti’s Beitrag „Color Blind”.