|Musikkritik| Gedanken zur Mauró/Levit-Debatte

von Robert Braunmüller

Zur Polemik „Igor Levit ist müde“ in der Süddeutschen Zeitung wurde vieles gesagt. Und es hat etwas von Nabelschau und Nestbeschmutzung, über Kollegen und über Vorgänge in anderen Redaktionen zu mutmaßen. Die Entgegnung von Carolin Emcke in der gleichen Zeitung bildete mehr oder weniger ein Schlusswort, dem nichts hinzuzufügen ist. Daher nur ein paar lose Gedanken und Beobachtungen, weil der Fall geeignet ist, den ohnehin nur mäßigen Ruf der Musikkritik zu beschädigen.

Meine persönliche Geschichte mit Helmut Mauró und Levit begann vor acht Jahren. Eine Bekannte empörte sich über eine ihrer Ansicht nach schlimme, ungerechte Kritik, die Mauró in der Süddeutschen Zeitung zu einem Auftritt von Igor Levit beim Münchener Kammerorchester geschrieben hatte. Ich las den mit „Kühl, kein Gefühl“ überschriebenen Text, fand ihn zwar im Ton scharf, vielleicht sogar polemisch und konnte als Besucher des Konzerts mit der Wertung nicht übereinstimmen. Aber ich fand ihn nachvollziehbar begründet. Und das ist bei einer Konzertkritik der entscheidende Punkt.

Jede*r Rezensent*in hat seinen oder ihren Liebling und seinen Lieblingsfeind. Helmut Maurós Liebling ist seit einiger Zeit Daniil Trifonov, und sein Lieblingsfeind ist Igor Levit. Solche Konstellationen gibt es bei jeder Zeitung. Die Redaktion müsste versuchen, bei der Vergabe von Terminen bestimmte Rezensenten, ihre Lieblinge und ihre Lieblingsfeinde ein wenig auseinanderzuhalten. Das kann bisweilen schwierig sein. Außenstehende vermuten da oft geheimnisvolle Ränke und Absichten, die es im schnell getakteten Betrieb einer Tageszeitung nicht gibt. Im betreffenden Fall kommt hinzu, dass Mauró der Watschenmann mancher SZ-Leser*innen ist, die oft ins Konzert gehen, und als Kollege kann man viel Zeit damit verbringen, Leser*innen seine Texte zu erklären.

Da ist Ressentiment im Spiel, und zwar auf beiden Seiten. Der Kollege ist fraglos eine Autorität für Klaviermusik und ein Freund deutlicher Aussprache, mit der man sich nicht beliebt macht. Und nicht nur auf dem Gebiet der Musik: Mauró hat zu einem Zeitpunkt, als noch nicht allenthalben über Provenienz ethnologischer Sammlungen debattiert wurde, den Ankauf von Objekten aus Amazonien durch das Münchner Museum Fünf Kontinente sehr kritisch gewürdigt. Leider hatte dieser Text nicht das Echo seiner Polemik an Igor Levit.

Niemand im Musikjournalismus ist vor Fehlurteilen gefeit. Wer viel schreibt, der verfasst auch immer wieder Artikel, die er bereut und womöglich lieber gar nicht geschrieben hätte. Allerdings gilt es als ungeschriebene Regel, keine Partei zu ergreifen, wenn man selbst involviert ist. Mauró hat sich daran nicht immer gehalten, und das hat seine Beliebtheit unter Insidern nicht gesteigert, etwa durch seine Winkelzüge im Fall des mehrfach wegen sexueller Nötigung verurteilten Musikhochschulpräsidenten Siegfried Mauser. Eines der Opfer berichtete im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mauró habe versucht, ihre Stasi-Akte einzusehen, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Das ist insofern heikel, weil Mauró Mausers Doktorand war. Ob er dabei, obwohl Briefpapier der Redaktion im Spiel war, wirklich im Auftrag der Süddeutschen Zeitung recherchierte, weiß ich nicht. Die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung in dieser Angelegenheit war jedenfalls kein journalistisches Glanzstück, auch wenn man sie für Äußerungen auf der Leserbriefseite nicht direkt haftbar machen kann.

Es ist daher nicht einfach, „Igor Levit ist müde“ vorbehaltlos zu lesen. Dass der Pianist polarisiert, kommt nicht ganz von ungefähr. Er spielte 2018 auf dem Parteitag der Grünen Bach und Beethoven, er engagiert sich gegen Rechts. Im Frühjahr 2020 hatten nach der Schließung der Theater und Konzertsäle seine Hauskonzerte auf Twitter eine riesige Resonanz. Sie machten diesen Pianisten auch unter Menschen bekannt, die sich für Klassik weniger interessieren. Dass Levit unter anderem dafür mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, provozierte Musiker*innen mit geringerer Reichweite, das Lob durch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer mag den Blutdruck mancher Beobachter*innen gesteigert haben. Im rechtskonservativen bis neurechten Spektrum gilt Levit seither als eine Art Staatspianist des Mainstreams.

Es ist auch nicht falsch zu sagen, dass Levit innerhalb der Branche beliebt ist. Das hat – beispielsweise bei mir – jenseits der Kunst auch mit politischen Sympathien zu tun. Aber das überschätzt Mauró, wenn er schreibt: „Er ist mit den richtigen Journalisten und Multiplikatoren befreundet“. Mal davon abgesehen, dass Freundschaften zwischen Künstler*innen und Rezensent*innen sehr selten vorkommen, hat diese Sympathie auch professionelle Gründe. Denn Levit spielt nicht nur sehr gut Klavier, er ist auch ein herausragender Kommunikator, wie sein vom Bayerischen Rundfunk produzierter Podcast zu Beethovens 32 Klaviersonaten beweist.

Solche Gesprächspartner sind gerade unter Pianist*innen selten, dafür ist man als Journalist dankbar. Und wer gut spricht, kommt auch oft zu Wort. Und kann man es einem Pianisten als Marketing ankreiden, wenn er gut vorbereitet ins Beethoven-Jahr geht? Levit hat die Sonaten in den vergangenen Jahren mehrfach zyklisch in mehreren Städten gespielt, sie rechtzeitig aufgenommen und dann noch einmal unter anderem bei den Salzburger Festspielen samt einer Fernsehaufzeichnung wiederholt. Das Jahr 2020 ist der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Wer den Betrieb nur ein wenig kennt, weiß, dass derlei fast zwingend Gegenreaktionen und Versuche der Entmythologisierung auslöst, und zwar bei Journalist*innen wie bei Kolleg*innen im Musikbetrieb. Einer der Auslöser dafür sind die Hauskonzerte auf Twitter, die – wie jedes kostenlose Streaming – von vielen Künstler*innen als Ausverkauf und Akt der Selbstreklame kritisiert werden, die lediglich die Berühmtheit bereits Berühmter steigere. 

Ich habe zufällig mitgelesen, wie sich im Herbst auf Social Media einige Personen über eine zu veranstaltende Reihe mit Beethoven-Sonaten austauschten. Die Rede kam bald, ohne den Namen zu nennen, auf einen von der Presse maßlos überschätzten, ständig moralisierend twitternden Pianisten. Die jungen unbekannten Künstler*innen, die in dieser Reihe auftreten sollten, würden mindestens genauso gut spielen. Solche Wortmeldungen bedeuten für sich nichts, aber sie können einen Wetterumschwung anzeigen.

Maurós Polemik war nicht die erste Kritik an Levit und seinen Twitter-Aktivitäten, sie übertraf an Schärfe jedoch die vorangegangenen Wortmeldungen von Hartmut Welscher im Deutschlandfunk und Axel Brüggemann in Crescendo. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, wieso Mauró Trifonov und Levit gegeneinander ausspielt. Ich persönlich schätze beide, und sie stehen auch für ein unterschiedliches Repertoire. Eher wundere ich mich über die Zwanghaftigkeit, mit der Mauró immer wieder Levit kritisiert: Im Januar 2020 nutzte er etwa die Besprechung der zweiten Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten durch Fazil Say dazu, um zu erklären, Levit werfe sich prophylaktisch in Pose, ehe ein bestimmtes Stück beginne und habe den Beginn von op. 110 nicht verstanden, weil er ihn wie Schönberg spiele.

Mauro geht da analytisch sehr ins Detail, und deshalb ist seine Wertung auch für Leser*innen nachvollziehbar, die sie nicht teilen. Von „Igor Levit ist müde“ kann man das nicht behaupten. Letztlich operiert Mauró hier mit der guten alten Genieästhetik des 19. Jahrhunderts: Groß ist der im Stillen agierende Künstler, der allenfalls über Twitter per Hörprobe vermelde, dass er gerade Prokofjew spiele. Obwohl Mauró erwähnt, dass es sich dabei um Werbung für ein neues Album handle, ist bei Trifonov das im 21. Jahrhundert Normale etwas Anderes. Reklame macht nur Levit, der nach den Erkenntnissen der „Verkaufspsychologie“ agiere und dessen „Dauerpräsenz“ in der Öffentlichkeit eine „Qualitätsvermutung“ auslösen würde, die sein Klavierspiel nicht einlösen könne.

Mit dieser Argumentationsfigur wird ein Pianist abgewertet, der im Beethoven-Jahr entsprechend der Erwartung des Markts gut vorbereitet Beethoven spielt, während der wahre Künstler antizyklisch zu Jubiläen Prokofjew einstudiert. Dass der innerliche Pianist ausgerechnet virtuose Werke der „silbernen Ära“ Russlands einspielt, über die Innerlichkeitsästheten eigentlich die Nase rümpfen, ist ein Widerspruch, den Mauró nicht reflektiert.

In erster Linie polemisiert der Text gegen Levit als öffentliche Figur, die sich auf Twitter ein „opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung“ herausnehme. Mauró spielt damit auf einen fünf Jahre alten Tweet an, in dem Levit einen Politiker als „widerwärtigen Drecksack“ bezeichnete, weil er der „widerwärtigen Partei AfD“ angehöre, deren Mitglieder Menschen seien, die „Menschsein verwirkt“ hätten. Dazu ließe sich etwa sagen, dass der grobe Klotz dieser Partei mit einem groben Keil behandelt werden dürfe und deren Funktionäre auch nicht gerade durch Zimperlichkeit auffielen. Aber noch treffender dürfte die Bemerkung eines Kollegen aus der Welt sein, der in Anspielung auf die von Mozart vertonten Worte „Wen solche Lehren nicht erfreun, verdient nicht, ein Mensch zu sein“ aus der Zauberflöte bemerkte, Levit würde für diesen Kommentar in Sarastros Weisheitstempel „wahrscheinlich für den Großen Osiris-Orden am Bande vorgeschlagen“ werden.

Levit teilt also auch aus. Was sich als Antwort allerdings verbietet, ist der antisemitische Unterton, den nicht nur ich in Maurós Text wahrnehme, womit nicht gesagt werden soll, dass er die Absicht des Autors war. Seit der Polemik Richard Wagners gegen Felix Mendelssohn Bartholdy existiert aber das Klischee vom jüdischen Künstler, der Defizite an innerer Durchdringung durch PR wettmache. Das gehört, wie die Behauptung, das Innerliche könne nicht empfunden sein, ins weitere Feld antisemitischer Vorurteile.

Es gibt Leser*innen von „Igor Levit ist müde“, die diese Wahrnehmung nicht teilen. Leider steht seit der Veröffentlichung des Grass-Gedichts „Was gesagt werden muss“, einer Karikatur von Dieter Hanitzsch und dem einen oder anderen Artikel zum Nahostkonflikt der Verdacht im Raum, die Süddeutsche Zeitung habe ein Antisemitismus-Problem. Ich teile diese Ansicht nicht, wenngleich ich meine, dass sowohl das Gedicht wie die Karikatur auf sehr unglückliche Weise dieses Vorurteil bedienen. Wenn der Verdacht aber existiert, sollte die Redaktion alles unternehmen, ihn nicht weiter zu nähren. Und Begriffe wie „Opferanspruchsideologie“ sollte eine linksliberale Zeitung rechten „Alternativmedien“ überlassen.

Außenstehende fragen sich natürlich, wie ein solcher Text überhaupt in die Zeitung gelangt ist. Das sollte man sich nicht zu kompliziert vorstellen. In keiner Redaktion werden Peer Reviews eingeholt, und wegen eines einzigen Texts beruft niemand Konferenzen ein. Die flotten Herrenreitertexte, mit denen das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung auf den Literaturnobelpreis für Louise Glück reagierte, sprechen für eine neu erwachte Liebe zur Debatte. Und die hat wohl mit dem Wechsel in der Chefredaktion im Frühjahr zu tun, in deren Folge auch das Feuilleton im Oktober 2020 eine neue Doppelspitze bekam.

In einer Zeit, in der zu viel stromlinienförmige Einigkeit im Journalismus beklagt wird, liegt es nahe, durch kraftvolles Auftreten Duftmarken zu setzen und Reviere zu markieren. Insofern verbietet es sich, Mauró zum alleinigen Buhmann zu machen. Er ist nicht Redakteur der Süddeutschen Zeitung, sondern ein Pauschalist, der seit 30 Jahren als freier Mitarbeiter für eine bestimmte Summe eine vereinbarte Zahl von Texten liefert.

Es mag sein, dass die neue Feuilleton-Leitung von der Dauerfehde Maurós mit Levit nichts wusste. Aber der Redakteur (oder Ressortleiter) ließ beim Redigieren des Texts nicht nur das unsägliche Wort „Opferanspruchsideologie“ und den antisemitischen Unterton stehen. Der oder die Jemand(s) hat sogar noch nachgepfeffert und jazzte Levits Müdigkeit angesichts antisemitischer Angriffe polemisch zur Überschrift hoch. Denn die stammt bei einem Text eines freien Mitarbeiters in den seltensten Fällen vom Verfasser, sondern so gut wie immer von der Redaktion, die hier eindeutig eine Mitschuld trifft.

Deshalb wird mir unwohl, wenn nun auf Social Media, in Gesprächen und in Mails unverhohlen der Rauswurf Maurós gefordert wird. Der Kollege mag schon öfter über die Stränge geschlagen haben. Aber die Entstehung einer Zeitungsausgabe bleibt ein kollektiver Prozess, für die nicht ein einzelner Autor haftet. Eine Zeitung hat auch eine Verantwortung gegenüber einem langjährigen freien Mitarbeiter mit hoher Sachkompetenz, gerade angesichts der gegenwärtigen Situation, in der kaum Konzertbesprechungen erscheinen und kaum neue Platten herauskommen.

Der Umgang mit dem Shitstorm im Internet, durch Leserbriefe und andere Zeitungen darf übrigens als exemplarischer Fall verfehlter Krisenkommunikation gelten: Erst der zweite Brief der Chefredaktion brachte eine Entschuldigung, offenbar auf internen Druck aus der Redaktion hin. Es ist auch nicht sonderlich geschickt, den Angegriffenen um eine Erwiderung zu bitten, weil das immer ein wenig wirkt, als wolle man auch noch die Zinsen der Erregung einkassieren. Auch die Reaktionen konkurrierender überregionaler Blätter wirken immer ein wenig naseweis, und zum Beispiel für Cancel Culture oder die schwindende Meinungsfreiheit taugt der Fall auch nicht. Antisemitismus, und sei er latent, ist in Deutschland keine Meinung wie jede andere, und in redigierter Form wäre Maurós Text zwar scharf, aber akzeptabel gewesen.

Die Süddeutsche Zeitung hat sich neben einem Mauró-Problem leider auch ein Levit-Problem eingehandelt. Verrisse kann sie sich nach der Vorgeschichte schlecht leisten. Prompt wurde der erste Auftritt Levits in München auch enthusiastisch besprochen – übrigens nicht nur in der Süddeutschen, sondern auch in den anderen drei Münchner Zeitungen, die das letzte Konzert des BR-Symphonieorchesters vor dem Lockdown Light ebenso besuchten. Aber das ist eine Gratwanderung, und es kann den Beigeschmack der Gefälligkeit bekommen. Aus einem gewissen Abstand heraus könnte ein tiefergehendes Interview vielleicht reinigend wirken. Die Süddeutsche Zeitung hat dafür auch den Raum. Aber das müssen beide Seiten wollen. Und so wird Mauró wahrscheinlich als Autor eine gewisse Zeit schweigen, bis Gras über die Sache gewachsen ist.

Letztlich geht es in „Igor Levit ist müde“ vor allem um Twitter. Mauró mag, wie viele Journalist*innen, dieses Microblogging nicht, weil es Themen durch Kürze verschärft und wegen der allgemeinen Zugänglichkeit das Meinungsmonopol der Profis bedroht. Viele halten Twitter für eine Meinungskloake, in der „Hypermoralisten“ gegen „Andersdenkende“ hetzen. Natürlich gibt es diese Fälle. Aber Twitter ist, was man daraus macht. Levit bedient dieses Forum sehr geschickt, mit einer Mischung aus kurzen Musikvideos, politischen Statements und privaten Banalitäten. Es ist eine virtuose Inszenierung von Authentizität. Aber ich verstehe Twitter eher als eine Wundertüte. Ich lese dort die interessantesten Meinungen und erstaunlichsten Gedanken zu den wunderlichsten Themen. Und das wiegt den gelegentlichen Ärger mühelos auf.

Zum Autor: Robert Braunmüller (@RBraunmueller) ist Theaterwissenschaftler und Kulturredakteur mit Schwerpunkt Klassische Musik bei der Münchner Abendzeitung.