„Ach so“? Kanonkritik zwischen Aktivismus und Populismus

Unter dem Titel „Ist die Klassik kolonialistisch?“ werden in der FAZ Debatten um den musikalischen Kanon, politischen Populismus und gesellschaftlichen Aktivismus zwischen Hörsaal und Konzerthalle polemisch zusammengewürfelt. Damit wird von Seiten akademischer Vertreter*innen ein Bedrohungsszenario skizziert, dass sich gefährlich nahe an besorgten „Eliten“ von Anti-Cancel-Culture-Initiativen bewegt.

„Ist die Klassik kolonialistisch?“ – natürlich nicht, denn was mit „Klassik“ gemeint ist, muss erstmal geklärt werden. Auch geht es im Artikel „Ist die Klassik kolonialistisch“ (Christiane Wiesenfeldt, FAZ, 28.04.2021) gar nicht so sehr um Klassik als um den damit zusammenhängenden, und offenbar existentiell bedrohten Kanon westlicher Kunstmusik. Im Kern des Artikels steht die Klage darüber, dass der Kanonbegriff nicht mehr als streitbares und somit fruchtbares Konzept und „kreative Herausforderung“ fungiere, das „nachhaltige ästhetische Impulse“ zeitige, sondern oftmals nur noch ein „ideologisch“ unterfüttertes Reizwort sei. Zudem werde keine Unterscheidung gemacht zwischen dem Kanon als sozialem Konstrukt und seinem „künstlerischen Inhalt“, also den Werken, Komponisten etc., die ihn ausmachen. Dementsprechend werde dem Kanon, etwa Bach und Beethoven, angeblich mit Feindseligkeit begegnet, und zwar in „akademischer Lehre, musikalischer Ausbildung und im Konzertwesen“.

Worin und wem gegenüber genau sich diese Feindseligkeit zeigt, bleibt im Text jedoch vage. Zunächst einmal werden hier verschiedene Sachverhalte unter einen Kanon-Hut gezwängt, die an sich schon diskussionswürdig sind: Klassik, zeitgenössische Musik, modernes Regietheater, „Western“ oder „European Classical Music“, „White European“ Music. Die „zunehmende Abneigung gegen klassische Musik“ sei im „Gefolge der populistischen Parteienlandschaft“ zu betrachten – ohne dass deutlich wird, wer genau damit gemeint sein soll. Dem gegenübergestellt und deutlich breiter ausgeführt wird Kritik aus dem Umfeld des gesellschaftlichen Aktivismus wie BLM – womit klarer wird, wohin die Reise gehen soll. Polemisch zugespitzt werden die angeblichen Feindseligkeiten, verpackt in eine zunächst neutral wiedergegebene Reihe von Kritikpunkten aus dem Umfeld des gesellschaftlichen Aktivismus, anhand von Beispielen aus dem akademischen Betrieb im britischen und angloamerikanischen Raum – offenbar aus Mangel an Evidenz hierzulande. Da wird ein Professor aus Oxford genannt, der dem Schmierblatt Daily Mail gegenüber angibt, in Zukunft „less White European“ zu unterrichten – was daran verwerflich sein soll, erschließt sich nicht. Aber offenbar wird das freie Reflexionsvermögen einzelner Akademiker sogleich mit der „Selbstevaluation“ eines ganzen Berufsstandes gleichgesetzt, womit hier lediglich der eigentlich gemeinte Begriff ‚Selbstzensur‘ vermieden wird. Andere Beispiele wie eine erbitterte Polemik aus der Musiktheorie („Music theory is white“), ein Sonderheft von JAMS („Hearing Blackness“) und Aussagen eines jungen Komponisten und PoC („It’s time to let classical music die“) sollen das bedrohliche Bild einer Cancel Culture hinsichtlich des musikalischen Kanons vervollständigen – wenngleich hier i. Ü. gar keine Bedrohung vorliegt: „sterben“ ist bekanntlich nicht gleich „töten“, und Beethoven wird, wie ebenfalls dargestellt, auch hier gemocht: „Ach so“? – Na ja …

Nicht alles am Artikel ist falsch: Richtig ist, dass, wie der Text festhält, die „Problemdiagnosen“ am Kanon, die den gesellschaftlichen Aktivismus und seine Forderungen nach historischer Aufarbeitung, Chancengleichheit, Gerechtigkeit und vor allem Teilhabe flankieren, „vielseitig“ und „in vielen Punkten überfällig“ sind. Wo jedoch die unmittelbar danach angesprochene „Verhärtung und Ideologisierung“ in dieser Debatte stattfinden soll, erschließt sich nicht. An den akademischen Curricula und Programmplanungen können die im Artikel suggerierten „Angriffe auf Bach und Beethoven“ jedenfalls nicht abgelesen werden: Im Sommer 2020 fanden in den ca. 50 deutschsprachigen Instituten mit musikwissenschaftlicher Lehre nicht weniger als 130 Lehrveranstaltungen zu Komponist*innen, Musiker*innen und Werken des Kanons westlicher Kunstmusik statt (nicht mitgezählt die Überblicksvorlesungen zur Musikgeschichte; vgl. www.musikforschung.de). Auf den Probenplänen der Hochschulorchester sieht es nicht anders aus: Beispielsweise stehen an der Hochschule für Musik in Weimar im Sommer 2021 Werke von Mendelssohn, Glière, Hindemith, Turina, Puccini, Mahler, Verdi und Strauss auf dem Probenplan (www.hfm-weimar.de). Und was die Konzerthäuser betrifft: Auch die Bachtrack-Statistik, welche die Programminhalte von mehr als 34000 Veranstaltungen in den Bereichen Konzert, Oper und Tanz erfasst, zeigt für die letzte Erhebung 2019 die üblichen Kanon-Verdächtigen an vorderster Front (www.bachtrack.com). Wo also bleibt die Evidenz für die angebliche Feindseligkeit gegenüber dem „klassischen“ Kanon, was auch immer darunter genau verstanden werden soll?

Auch greift die simplifizierende Gleichsetzung der Kritik am Kanon mit aktuellen Dekolonisierungstendenzen inner- und außerhalb des Faches viel zu kurz. Dass die Kritik aus den Reihen des gesellschaftlichen Aktivismus aufgrund einer in Deutschland mangelnden „Kolonialvergangenheit im großen Stil“ noch nicht dieselbe Dynamik wie im britisch-angloamerikanischen Raum habe, stimmt insofern, als es hier kaum Herero gibt, die ein Verlangen nach musikalischer Repräsentation in deutschen Konzerthäusern hätten – die haben andere, viel wichtigere politische Anliegen. Ausgeblendet wird hier aber auch jene andere, immer relevanter werdende Realität in Deutschland: die postmigrantische Gesellschaft, in der wir leben. Ist es nicht legitim, neben Wolfgang Rihm auch einen türkischen fasıl im Gewandhaus zu hören, neben der Barockgeige auch eine iranische kamānče an der Musikhochschule zu unterrichten oder die Musik tunesischer Exilanten zur Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ zu erforschen? Was in der Debatte offenbar nicht präsent genug ist: Der Ruf nach Diversifizierung ist nicht gleichzusetzen mit einem Boykott bestehender Kanons. Bezeichnend für diese Gleichsetzung ist die Abqualifizierung sinnvoller Bemühungen um eine Quotenregulierung, wie sie an vielen Orten mit unterschiedlichem Fokus (Gender, Randgruppen, Nachwuchs) erfolgreich praktiziert wird – als ob es um die „Ersetzung eines Kanons durch einen anderen“ und nicht um gesellschaftlich angemessene Repräsentation ginge. Quoten sind keine Form von Kanonisierung, wie im Artikel behauptet wird, sondern in Ermangelung von Alternativen ein mögliches Korrektiv dort, wo ein kultureller und sozialer Missstand erkennbar wird. Diese und viele andere Debatten bei einem so wichtigen Thema wie Dekolonialisierung und Kanonkritik zu unterschlagen und höchst selektiv zu argumentieren, ist brandgefährlich. Denn so droht die an sich berechtigte Kritik am „ideologischen Gepolter“ populistischer Einzelphänomene in der Verallgemeinerung, die mit der eingeforderten „seriösen, wissenschaftlich fundierten Sichtbarmachung“ von Leerstellen ebenfalls nichts zu tun hat, unversehens selbst zur populistischen Polemik zu werden.

Was also möchte der FAZ-Artikel? Natürlich geht es einerseits auch um Geld: „Hat man durch die Dekolonialisierungs-Debatten nicht ein hübsch konsensfähiges Argument an der Hand, die Gelder der klassischen Kulturförderung in andere Bedarfe umzulenken?“ Nun, das hängt davon ab, was man unter „klassischer Kulturförderung“ versteht und wie die Forschungs- und Kulturinstitutionen diese anderen „Bedarfe“ a) überhaupt anerkennen und b) produktiv an ihnen teilhaben möchten, oder nicht? Andererseits: Es handelt sich bei dem Artikel um eine kontrovers verpackte Verteidigung traditioneller, ebenfalls „kanonisierter“ Forschungsgegenstände der Musikforschung, die zum Selbstverständnis eines großen Teils dieser Forschungsgemeinschaft gehören. Dieses Selbstverständnis ist abhängig von vielen politischen und somit fluktuierenden Faktoren: dem Kulturbetrieb, der Finanzierung öffentlicher Institutionen, dem Bedarf an spezifischen Forschungsprofilen im akademischen Fächerkanon und den damit zusammenhängenden Handlungsspielräumen. Kurzum: Es geht um die Relevanz Historischer Musikwissenschaft in einem noch zu definierenden musicological turn, der sich in Richtung methodischer und gegenstandsbezogener Diversifizierung zwischen Popularmusik, Kulturwissenschaft, Ethnologie, Genderforschung, Systematik usw. bewegt.

Der ‚Kanon klassischer Musik‘, und gemeint ist hier offenbar die historische Kunstmusik in Westeuropa etwa zwischen Monteverdi und Penderecki, bietet eine strukturell günstige Angriffsfläche: Die Zeit dieser Meisterwerke ist nicht nur die Zeit der Moderne, sondern auch einer, wenngleich schleppenden, so doch zunehmenden Emanzipation marginalisierter ethnischer, sozialer, religiöser oder genderspezifischer Gruppen, die bis heute im Kulturbetrieb nicht angemessen repräsentiert sind: Frauen, ethnische und religiöse Minderheiten, Migrant*innen, Transgender usw. Entsprechend ist auch die Quellenlage ergiebiger als beispielsweise im Mittelalter. Dass sich daraus automatisch eine Verpflichtung zur Erforschung dieser Gegenstände ableitet, welche den traditionellen Kanon bedroht, ist natürlich Unfug, doch gibt es nun auch die Möglichkeit zur Diversifizierung. Und diese darf und soll auch genutzt werden. Die Fachstrukturen geben da allerdings wenig her, wenn sich ein Großteil des Faches dem kulturellen Wandel nur zögerlich öffnet oder sich ihm komplett verweigert. Das notwendige methodische Rüstzeug, um auf die neuen Gegenstände produktiv reagieren zu können, ist von einer auf dem etablierten Kanon aufbauenden Historischen Musikwissenschaft jedenfalls kaum zu erwarten, womit wieder die Frage der Relevanz berührt wäre. Aktuell scheint es jedenfalls, dass die auch im Artikel plausibel beschriebene Dynamik des musikhistorischen Kanons mehr Veränderung zulässt als diejenige akademische Disziplin, die ihn (mit)erforscht.

Am Ende ist es immer die Furcht, die hinter der Maske der Polemik sichtbar wird: die irrationale Furcht ‚besorgter Eliten‘ vor gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit und wissenschaftspolitischen Beschränkungen. Eine Furcht, die jener der Anti-Cancel-Culture-Initiativen wie dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit nahesteht, deren Berechtigung jedoch mangels Sachlage ebenfalls zur Disposition steht (https://taz.de/Netzwerk-Wissenschaftsfreiheit/!5747691/). Klar wird dadurch höchsten eines: Eine Kritik aus der Machtposition von „oben“, die sich gar nicht inhaltlich, sondern nur an den Formen von Debatten entzündet, die „unten“ sehr viel diverser geführt werden, ist weder konstruktiv, noch relevant – sondern höchstens das, wofür sie eh jeder hält: elitär und überflüssig.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde von einer/m Kolleg*in verfasst, der/die nicht namentlich genannt werden will. Bis heute ist das Wissenschaftssystem – und die Musikwissenschaft als vergleichsweise kleines Fach im Besonderen – von Hierarchien und Abhängigkeiten geprägt, die insbesondere für junge Forscher*innen zu bedenken sind. Dieser Text erscheint deshalb – entgegen den sonstigen Gepflogenheiten bei musiconn.kontrovers  – ohne Namensnennung.