Anforderungen an die Musik­wissen­schaft in Zeiten sinkender Studierenden­zahlen – Vier Provokationen

Laut einer Studie des Musikinformationszentrums ist die Zahl der Studierenden im Fach Musikwissenschaft in Deutschland seit dem Jahr 2000 um 36 % gesunken. Dieser Trend ist alarmierend, gerade weil die Gründe dafür schwer festzumachen sind. Auf dem Weg der Ursachenforschung haben wir als Redaktion von musiconn.kontrovers vor einigen Monaten mit vier zum Teil gegenläufigen „Provokationen“ innerhalb der Fachgruppe Nachwuchsperspektiven der Gesellschaft für Musikforschung eine Debatte angeregt. Nun wollen wir diese Thesen auf musiconn.kontrovers einer breiteren Fachöffentlichkeit zur Diskussion stellen.

Zunächst jedoch ein genauer Blick auf die Zahlen, die öffentlich zugänglich sind, wobei die Grenze bewusst auf das Jahr 2019 gesetzt wird. Die längerfristigen Auswirkungen der Coronapandemie auf die Universität im Allgemeinen und auf das Studienfach Musikwissenschaft sind aktuell kaum absehbar. Einige Berichte aus den deutschen Universitäten geben allerdings Anlass zu großer Beunruhigung.

In Deutschland erwerben heute weitaus mehr junge Menschen eines Jahrgangs die Allgemeine Hochschulreife (2019: 40,2 % eines Jahrgangs), als dies noch 2002 (26,7 %), 1992 (22,6 %) oder 1975 (14,7 %; früheres Bundesgebiet inkl. Berlin-West) der Fall war. Immer größere Teile der Gesellschaft erhalten also Zugang zu Hochschulbildung – eine Entwicklung, die sowohl von Bildungsforscher:innen als auch von der Bildungspolitik gefördert und begrüßt wird. Das Wachstum führte zum Teil auch zu einer Diversifizierung der an Universitäten vertretenen Milieus. Trotz dieser Verbreiterung ist die soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems noch immer eines der größten bildungspolitischen Probleme. Für hochschulpolitische Fragestellungen mindestens genauso bedeutsam ist die absolute Zahl junger Menschen, die jährlich die allgemeine Hochschulreife erwerben. Sie lag im Jahr 2019 (300.200) zwar um ca. 20 % niedriger als im Jahr des absoluten Höchststands 2013 (371.800), stand damit aber immer noch etwa auf dem Niveau des Jahres 2007 (302.600), das seit 1990 stetig angestiegen war. Ein Großteil der Menschen, die eine allgemeine Hochschulreife erworben haben, entscheidet sich in der Folge für ein Studium – oft an einer Universität. So entwickelten sich die absoluten Zahlen der Studienanfänger:innen parallel zu denen der Abiturient:innen. Im Jahr 2019 nahmen 288.066 Menschen ein Studium an einer Universität auf, was ebenfalls ein Rückgang um etwa 17 % seit dem Höhepunkt im Jahr 2011 (319.576), aber dennoch in etwa auf dem Niveau von 2009 (258.483) war.[1] Insgesamt vergrößerte sich die Zahl der an allen Hochschularten eingeschriebenen Studierenden von etwa 1.798.863 im Jahr 2000 auf 2.891.049 im Jahr 2019 (Erhöhung um 60,72 %). Der aus den gestiegenen Studierendenzahlen in die Höhe geschnellte Bedarf an Dozierenden wurde von der Bildungspolitik nur teilweise gedeckt. Dies macht der Blick auf die Anzahl der hauptberuflichen Professuren deutlich. Sie erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 37.794 (2000) auf 48.547 (2019), was eine Steigerung von 28,45 % bedeutet.

Der in den Statistiken des MIZ erkennbare Rückgang der Studierendenzahl im Bereich der Musikwissenschaft fällt im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung noch einmal weitaus dramatischer aus:

Der Anteil der Studierenden der Musikwissenschaft im Verhältnis zur Gesamtzahl der an allen Hochschularten eingeschriebenen Personen hat sich seit dem Jahr 2000 von knapp 0,5 % auf ca. 0,23 % etwa halbiert.[2]

Diese Entwicklung zeichnet sich auch dann ab, wenn man die Gesamtzahl der Musikwissenschaftsstudierenden mit der Zahl an Universitäten eingeschriebenen Studierenden in Beziehung setzt, wo Studiengänge im Fach Musikwissenschaft vor allem angesiedelt sind (Abb. 1).

Bemerkenswert erscheint in unserem Zusammenhang die Zahl der Kunst- und Kunstwissenschaftsstudierendenden an Universitäten, die seit 1997 relativ konstant geblieben ist – und das trotz der stark gestiegenen Gesamtstudierendenzahl. Der Zulauf zum Studienfach Musikwissenschaft entwickelt sich seit 25 Jahren also nicht nur gegen den universitätsweiten Trend, sondern auch gegen die Entwicklung in der Fächerfamilie.

Die kulturpessimistische Standardbegründung für diese Entwicklung lautet: Die musikalische Ausbildung junger Menschen wird immer schlechter. Immer weniger Kinder und Jugendliche lernten ein Instrument, was zur Folge habe, dass das allgemeine Interesse an Musik rückläufig sei. Allerdings: Das Gegenteil scheint der Fall zu sein – zumindest wenn man den Erhebungen des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) folgt: Selbst bei den „klassischen (Orchester‑)Instrumenten“ ist bei den Anmeldezahlen zwischen 2000 und 2020 ein Zuwachs zu verzeichnen. Auch beim Blick in die Gymnasien kann man keineswegs pauschal einen quantitativen Rückgang des Schulfachs Musik beobachten. Zwar ist der Anteil der Leistungskurse gerade in den letzten Jahren empfindlich zurückgegangen, der Anteil der Schüler:innen, die Musik als Grundkursfach wählten, stieg dagegen seit 2002 von 22 % auf 30 % an. Hier ist allerdings zu bemerken, dass die Struktur des Musikunterrichts in der Schule bundesweit kaum vergleichbar sein dürfte, da die Lehrpläne und Strukturen der Länder schlicht zu verschieden sind. Bedenklich, aber vermutlich höchstens mittelbar ursächlich für das in diesem Beitrag diskutierte Problem ist der Umstand, dass an Grundschulen nur 43 % des Musikunterrichts von spezifisch ausgebildetem Personal unterrichtet werden. Zumindest der oberflächliche und laienhafte Blick auf das verfügbare Zahlenmaterial zeigt, dass es in Deutschland keine eindeutige, aus den Statistiken zu destillierende Begründung für das sinkende Interesse an der Musikwissenschaft gibt, und dass die Verantwortung nicht allein in der voruniversitären musikalischen Ausbildung junger Menschen zu suchen ist.

Warum ist diese Entwicklung nun aber überhaupt beunruhigend? In den Gesprächen, die wir in den letzten Monaten zu diesem Thema geführt haben, hörten wir häufig, dass es sich womöglich sogar um einen gesunden Prozess handle. Es würden am Arbeitsmarkt ja gar nicht so viele Musikwissenschaftler:innen benötigt, weshalb der Rückgang zu begrüßen sei. Inwieweit die Beobachtung nach einer geringen Nachfrage nach Musikwissenschaftler:innen außerhalb akademischer Berufe überhaupt zutreffend ist, wollen und können wir an dieser Stelle nicht bewerten. Wir möchten lediglich auf einen sehr simplen universitätspolitischen Mechanismus hinweisen – auf die Logik also, in der Hochschulleitungen nicht erst seit Bologna operieren. Die Anzahl an Stellen, insbesondere an Professuren, bemisst sich zu einem beträchtlichen Maß an der Anzahl der Studierenden in einem Studiengang. Das Wegbleiben von Lernenden bedeutet mittel- und langfristig auch, dass weniger Mittel in Personal fließen. Insofern sind die Studierendenzahlen auch für den Fortbestand akademischer Forschung in der Musikwissenschaft essentiell.

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Hier nun also die Provokationen, die als Anstoß zur Ursachenforschung dienen sollen. Wir freuen uns über eine angeregte Debatte – gerne über die Kommentarfunktion. Falls Sie Interesse an einem längeren eigenständigen Beitrag haben, zögern Sie bitte nicht, uns zu kontaktieren.

1. Das Fach wird von Studieninteressierten als zu konservativ, zu philologisch, zu sehr am eurozentrischen Kanon orientiert empfunden. Das spiegelt die Lebenswirklichkeit junger Menschen nicht wider, die sich selbst zunehmend als musikalische Allesfresser:innen empfinden. Ein Fach, das sich nicht stärker solchen Themen öffnet, die Studienanfänger:innen tatsächlich beschäftigen, wird verschwinden.

2. Die potentielle Studierendenschaft ist weitaus diverser als ihr Ruf – in mehreren Richtungen: Einerseits bringen Studierende vielfältige kulturelle Bildungs- und Interessenhintergründe mit an die Universitäten, denen nicht alle Institutionen mit den entsprechenden Angeboten begegnen können oder wollen. Andererseits sind Abiturient:innen – vielleicht auch gesellschaftlich – bisweilen konservativer, als es die Forschungsinhalte der akademischen Disziplin sind. Dies hängt mit Erfahrungen aus dem Schulmusik- oder Instrumentalunterricht, aber auch mit einer gedanklichen Trennung zusammen: Hörgewohnheiten und Interesse an Musik als Reflexionsgegenstand sind nicht notwendig deckungsgleich. Musikalische Allesfresserei führt nicht zwangsläufig zu der Erwartung, diese auch im Studienfach abgebildet zu finden.

3. Das vielbeschworene Humboldt’sche Bildungsideal ist tot: Die gesellschaftlichen Erwartungen an ein Hochschulstudium haben sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verschoben. Für junge Menschen, die den Schritt an eine Hochschule oder Universität gehen, ist das Studium in erster Linie eine Berufsausbildung. Fächer wie die Musikwissenschaft haben sich dieser Realität unzureichend gestellt und müssen nun mit den Konsequenzen leben. Standorte, die ihre Curricula nicht stark auf die berufliche Qualifikation ausrichten, werden es schwer haben, weiter Studierende für sich zu gewinnen.

4. Die Konsequenz aus dieser Erwartung an das Studium als Berufsvorbereitung ist für weite Teile der akademischen Musikwissenschaft so einfach wie schmerzhaft: Forschung und Lehre driften auseinander, von einer Einheit dieser Bereiche kann keine Rede mehr sein. Die Forschungsinhalte entsprechen immer weniger dem, was in der für Musikwissenschaftler:innen relevanten Berufspraxis und damit in der Ausbildung gefragt ist und umgekehrt. Die Folge ist gerade für Wissenschaftler:innen in der sogenannten „Qualifikationsphase“ ein Spagat zwischen Forschung (als eigene, genuin akademische, nicht an berufspraktischen Erfordernissen orientierte Qualifikation) und Lehre (als dezidierte Berufsqualifizierung von Studierenden, insbesondere in Lehrveranstaltungen mit Praxisbezug), der unter den aktuellen wissenschaftspolitischen Bedingungen auf die Trennung dieser beiden Felder zuläuft.

Datenmaterial zur Grafik als PDF


[1] Diese Momentaufnahmen sind maßgeblich von den verschiedenen Schulreformen beeinflusst (Stichwort: Doppelter Abiturjahrgang).  (Blickt man nicht nur auf die Universitäten, sondern auf die Hochschulen insgesamt stellt sich die Entwicklung bei den Studienanfänger:innen etwas anders dar. Der stetige Zuwachs endet hier insgesamt erst im Jahr 2017 auf einem Höchststand von 512.419 Erstsemester:innen. Seitdem ist eher eine Stagnation zu beobachten. Das liegt vor allem an der wachsen Popularität von praxisnahen Studiengängen an Fachhochschulen.

[2] Die Grundlage der über die Aufstellungen des MIZ hinausgehenden Beobachtungen sind die Daten, die das Statistische Bundesamt in der Fachserie 11 / Reihe 4.1 unter dem Titel „Bildung und Kultur – Studierende an Hochschulen“ jährlich veröffentlicht. Hier wird jährlich eine Rubrik „Musikwissenschaft/-geschichte“ erfasst, wobei nicht genau ersichtlich ist, welche Studiengänge in diese Kategorie fallen – ob hier also zum Beispiel neu entstandene Musikmanagementstudiengänge eingeschlossen werden. Im Kapitel 7 der jährlichen Berichte werden die „Belegungen“ nach Fach erfasst.

19 Kommentare

  • Patrick Dziurla sagt:

    Sehr guter Beitrag. Eine Ergänzung: Wer in der breiten Gesellschaft weiß denn, was Musikwissenschaftler*innen machen und dass es sie überhaupt gibt? Unser Gegenstand ist zwar allgegenwärtig und es wird auch viel darüber gesprochen, die Musikwissenschaft macht aber im öffentlichen Diskurs nur einen kleinen Teil davon aus. Gerne lädt man Interpreten und Interpretinnen ein oder Dirigenten und Dirigentinnen oder prominente Liebhaber (z.B. Angela Merkel über Wagner).
    Über Musik lässt sich ja auch so schön reden.
    Unser Fach ist, wenn man nicht BR Klassik oder den Deutschlandfunk Kultur konsumiert doch fast unsichtbar. Vergleiche dazu die Geschichtsformate im ZDF usw. Da sind Historiker*innen und Zeitzeugen omnipräsent.
    Ich bin auf unser Fach nur durch Zufall gestoßen, weil ich mir das gesamte Vorlesungsverzeichnis der Uni München durchgesehen habe und irgendetwas mit Musik studieren wollte. Mit einem anderen Instrument (E-Bass) wäre ich vermutlich woanders gelandet.
    Also: bessere und neue Formate auf guten Sendeplätzen/Kanälen (Youtube u.a.) müssen her. Musik muss hier dann in seiner Gesamtheit betrachtet werden und man muss weg von der „E“-Musik und Europalastigkeit.

  • Axel Klein sagt:

    Hallo, und vielen Dank für den guten und notwendigen Beitrag! Es ist ganz klar beunruhigend, wenn die Studierendenzahlen in unserem Bereich so stark zurückgehen. Allerdings neige ich am ehesten zu der „berufspraktischen“ Begründung, also dass es tendenziell zu wenige Berufsfelder oder freie Stellen gibt, ob in der Forschung oder außerhalb (Verlage, Medien, Opernhäuser, Musikmanagement allg.). Insofern findet vielleicht gerade eine Art Bereinigng statt.
    Die vier genannten Themen sind ja nicht wirklich „Provokationen“. Nummer 2 habe ich, ehrlich gar nicht verstanden, so allgemein und durcheinander fand ich die Formulierung. Nummer 1 (dass die Ausbildung zu europazentrisch und „klassisch“ sei), hört man immer wieder, sie wird aber dadurch nicht richtiger. Wenn ich etwa als außereuropäische(r) Studierende(r) nach Deutschland zum Musikwissenschaftsstudium komme, interessiert mich ja gerade das Europäische und das Klassische, weil ich das anderswo vielleicht nicht so bekommen kann. Außereuropäische Musik wird außerdem schon lange in Deutschland unterrichtet, oder nicht? Und wenn es auf Popmusik hinauslaufen soll, bin ich der (konservativen) Meinung, dass Universitäten dafür nicht der richtige Ort sind (jetzt höre ich einen Aufschrei, aber das ist halt meine Meinung). Die Thesen Nr. 3 und 4 treffen vielleicht zu, wahrscheinlich sogar, aber „provokativ“ finde ich sie auch nicht. Sie reichen vielleicht aber auch nicht aus, um den Rückgang zu erklären.
    Wie wäre es mit einer These Nr. 5, nämlich, dass unser Musikwissenschaftsstudium vielleicht „zu deutsch“ ist? Die Präsenz deutscher Musikwissenschaftler an internationalen Konferenzen in nicht-deutschen Sprachen ist beschämend gering. Deutsche Musikwissenschaftler spielen international einfach nicht mit. Sind sie zu faul? Können sie kein englisch (oder französisch)? Angloamerikanische Musikwissenschaft (auch Veröffentlichungen) floriert, ist mein Eindruck, aber wir spielen nicht mit. Vielleicht sollten wir Lehrangebote auf englisch anbieten, einschließlich der Möglichkeit, Abschlussarbeiten auf englisch zu verfassen. Zum Teil ist das schon möglich, aber doch eher selten, scheint mir.

  • Schön, dass Ihr diesen Text zusammengebracht habt. Ich habe dazu eine eher native wie grundsätzliche Frage. Wo ist das Problem? Außer, dass vielleicht wegen Studierendenmangels Einrichtungen der Musikwissenschaft „geschlossen“ oder „fusioniert“ würden? Ich bekomme seit einigen Tagen per Mail immer wieder mal von academia.eu PDFs zugeschickt aus dem Bereich der Musikwissenschaft und -pädagogik. Die Texte von sind durchweg von hohem Niveau, die Themen sehr interessant. Ob es um russische Schallkunst geht oder um Theorie des Populären …

    Man muss in die Betrachtung aber auch die Zahlen der Abbrecher:innen einschließen und derjenigen, die ein Studium beenden. Die eigene Erfahrung aus den 80er Jahren war so, dass nach zwei Semestern (in Gießen), die Hälfte der Studierenden einen anderen Studienweg gesucht hat. Die Motivation war bei gefühlt der Hälfte, dass diese damals Musiktherapie studieren wollten und hier „geparkt“ haben. (Am ganzen Institut haben jährlich ca. 15 Leute angefangen, aber studiert haben insgesamt über alle Semester zusammen nur 60.)

    Schwierig ist es mit MuWi meines Erachtens auch deshalb, weil es mittlerweile viele neue Studiengänge mit ähnlichen, aber deutlich praktisch gebundeneren Fächern gibt (oder Aufspaltungen – Sound Studies, Musikdesign …, oder die erwähnten Musikmanagementsachen, Kulturelle Bildung usw.). Deswegen ist auch die Datenlage nach wie vor eher unübersichtlich.

    Aber zurück: Welchen Schaden erleidet hier eigentlich wer?

  • Sebastian Bolz sagt:

    Zu einem Punkt, der in den letzten beiden Kommentaren vorkam, nämlich eine Art „so what“: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass sinkende Studierendenzahlen in eine Abwärtsspirale führen können, die am Ende das Fach als akademische Disziplin bedroht. Weniger Studierende heißt mittelfristig weniger Stellen, Professuren wie Mitarbeiter, aber auch Projektstellen. (Weniger Wissenschaftler stellen weniger Anträge bedeutet weniger Bewilligungen.) Und weniger Stellen bedeutet sehr schnell und ganz direkt weniger Vielfalt in der Forschung. Unser Fach ist jetzt schon klein, oft müssen musikwissenschaftliche Professuren ein inhaltliches Spektrum abdecken, über das andere Fächer nur den Kopf schütteln können. Das kann kein Trend sein, dem wir nur mit einem „naja, man braucht halt nicht so viele“ begegnen können, wenn wir ein ernstzunehmendes akademisches Fach bleiben wollen.

    Zum Thema „zu deutsch“ möchte ich, ohne den Internationalisierungsgrad beschönigen zu wollen, auf ein paar Dinge hinweisen: 1. Die Teilnahme an internationalen Konferenzen erfordert Mittel, die insbesondere dem Mittelbau oft nicht zur Verfügung stehen. Die Förderung von Wissenschaftler*innen in der Prae- und Post-Doc-Phase funktioniert im angloamerikanischen Raum grundlegend anders. Gleichzeitig gibt es innerhalb Deutschlands umfangreiche Möglichkeiten zur Förderung internationaler Gäste (wie den DAAD). Solche Angebote sind in Großbritannien und den USA viel enger. 2. Deutsch als Wissenschaftssprache aufzugeben, sehe ich nicht als Lösung an – gerade wenn es weiterhin auch um die Gegenstände gehen soll, die diese Sprache als Grundlage haben. Abgesehen davon gibt es die Möglichkeit, englische Arbeiten zu schreiben, selbstverständlich. Englische Studiengänge anzubieten ist aber nicht trivial, weil das nicht von Instituten, sondern zentral vom Hochschulrecht und den Hochschulen gesteuert wird. Zugleich träten wir durch die „Durch-Anglisierung“ (ich übertreibe) noch stärker in eine Konkurrenzsituation, in der wir schon rein zahlenmäßig mit der sehr viel größeren englischsprachigen Wissenschaftslandschaft nicht konkurrieren können. 3. Sinkende Studierendenzahlen sind auch ein Problem der öffentlichen Sichtbarkeit des Fachs in der Gesellschaft. Die Wissenschaft auf Deutsch umzustellen, würde bedeuten, dass Wissenschaftskommunikation (also die Wirkung der Forschung in die sog. „Breite der Gesellschaft“) noch schwieriger, d. h. insbesondere zeitaufwändiger wird. 4. Wenn ich mich mit Kolleg*innen an englischsprachigen Universitäten über Lehrveranstaltungspläne austausche, höre ich immer wieder, dass es so schön sei, dass selbstverständlich englischsprachige Texte gelesen werden. In Großbritannien oder den USA tauchen fremdsprachige Texte in den Syllabi dagegen praktisch gar nicht auf. 5. Für ein „zu faul“ hätte ich gern irgendeine Form belastbarer Empirie: Publizieren englischsprachige Wissenschaftler*innen wirklich mehr? Unterrichten sie mehr? Den Vorwurf der Faulheit finde ich angesichts des enormen Drucks, unter dem so viele Kolleg*innen arbeiten, gelinde gesagt unangemessen.

  • Vielen Dank, Moritz und Sebastian, für die Analyse und die Bereitstellung der so aufschlussreichen wie ernüchternden Statistiken. Ich sehe zunächst einen Widerspruch zwischen Eurer ersten und zweiten These: einerseits sind die Studierenden musikalische „Allesfresser“, denen das Musikwissenschaftsstudium zu eurozentriert-kanonisch ist, andererseits sind sie „bisweilen konservativer, als es die Forschungsinhalte der akademischen Disziplin sind“. Ja wat denn nu? Für eine derart widersprüchliche Generation einen sinnvollen Studienplan zusammenzustellen, wäre ja wirklich ein hoffnungsloses Unterfangen!

    Zielführender erscheinen mir Eure Thesen 3 und 4: Studium nicht als Bildungserwerb, sondern als Berufsvorbereitung in einem relativ engen Feld möglicher Tätigkeiten (die ironischerweise oft im Dunstkreis des „Kanons“ stattfinden, der nach wie vor mehr Konsumenten anzieht als das musikalische Neuland). Aus meiner britischen Perspektive ist das Problem weniger das deutsche Studium, sondern das Anspruchsdenken der Arbeitgeber, die ein Diplom erwarten, das genau auf ihre Branche passt. Verirrt sich doch einmal eine Musikwissenschaftlerin oder ein Theologe in eine Unternehmensberatung oder Stadtverwaltung, werden sie als „Quereinsteiger“ bejubelt oder bedauert. In Großbritannien gilt ein „Bachelor of Music“ als neutralere Allgemeinqualifikation, die ebenso ins Lehramt wie ins Maklerbüro führen kann. (Allerdings sinken auch hier, trotz viel stärkerem Praxisbezug, die Studierendenzahlen, da die derzeitige Regierung gegen die geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Studiengänge als marxistisch ideologisierte Schlumpf-Fächer Stimmung macht, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

    Noch zwei Kommentare zu meinen Vorrednern: Patrick Dziurla hat recht, dass die Medien Historikerinnen und Archäologen gerne Sendezeit und -formate einräumen, aber nicht am Gespräch mit Musikwissenschaftler*innen interessiert sind: lieber einen dämlichen Dirigenten oder eine hyperventilierende Wagnerianerin interviewen, als Leute, die wirklich etwas von der Sache verstehen. Wir Musikwissenschaftlerinnen könnten ja ein paar liebgewordene Klischees dekonstruieren (Bach als 5. Evangelist, der arme Mozart im Armengrab, die verkannte Clara Schumann, C-Dur ist immer nur C-Dur), und das will man dem lieben Publikum dann lieber nicht zumuten. Die Schuld daran liegt nicht unbedingt bei den Akademiker*innen, die in ihrem Elfenbeinturm schmollen: „Public musicology“ und „Impact“ außerhalb akademischer Kreise sind in Großbritannien das Gebot der Stunde, was eine Vielzahl von Blogs, Podcasts, Youtube-Kanälen, Veranstaltungen für Schulkinder etc. beweisen, und der Mythos von der Wissenschaft im Elfenbeinturm hält sich trotzdem hartnäckig. Dass, wie Patrick Dziurla vorschlägt, weniger europäische Hochkultur dem abhelfen würde, glaube ich nicht. Das gesellschaftliche Verlangen nach inhaltlich anspruchsvoller Exegese des neuesten Albums von Taylor Swift ist wahrscheinlich auch nicht höher als der Bedarf an Konzerteinführungen zu Beethovens Neunter.

    Und ob der Rückgang der Studierendenzahlen daran liegt, dass das Studium „zu deutsch“ ist, wie Axel Klein meint? Erstens glaube ich nicht, dass es die durchschnittlichen Studierenden besonders beeindruckt, wenn ihr Lehrpersonal auf internationalen Tagungen unterwegs ist; meine Studierenden haben nur eine äußerst vage Vorstellung davon, was ich außerhalb des Unterrichts eigentlich tue. Zweitens ist der Vorwurf, „Deutsche Musikwissenschaftler spielen international einfach nicht mit“ nicht gerechtfertigt, wenn man sich die innereuropäischen Netzwerke oder die International Musicological Society ansieht. Die meisten anglo-amerikanischen Wissenschaftler*innen spielen dagegen ebenfalls „international einfach nicht mit“, denn sie sind zunehmend einsprachig, konzentrieren sich auf durchaus periphere Themen aus dem englischen oder amerikanischen Musikleben, und tingeln keineswegs von Montevideo über Warschau nach Tokio, um internationale Impulse aufzunehmen und zu verbreiten. Da das Englische sich als Weltwissenschaftssprache durchgesetzt hat, herrscht in manchen (nicht allen!) Bereichen der Anglo-American Community eine gewisse Selbstgefälligkeit, die ihren Regionalismus mit Hegemonialanspruch als Universalismus verkauft. Wenn wir deutschsprachigen MuWis die amerikanische Musikwissenschaft als „internationaler“ (weil is ja alles Englisch) und damit relevanter wahrnehmen, ist das eher unser Problem als deren Verdienst.

  • Mal eher böse zurück gefragt: Angst vor Verzwergung in einem Fach, das nicht einmal Kenntnis über seinen Personalbestand an Studierenden hat, sondern sich diese aus Statistiken zweifelhafter Quellen bezieht? In einer Zeit, wo alles gezählt und vermessen wird.

    Schaut man bei https://www.studycheck.de/studium/musikwissenschaft nach, sieht doch alles ganz hübsch aus. Das Studium scheint Freude zu bereiten, ist familiär etc.

    Aber das ist die Außenansicht eines studierten MuWis, der jetzt Musikjournalismus und anderes macht. Ich denke, man sollte sehr präzise trennen, zwischen dem, was Studium ist und dem, was Forschung kann und soll. (Das Fach war früher viel kleiner und enger und die Forschung war nicht schlechter.)

    Zur internationalen Lage stimme ich Frau Eichner insgesamt zu.

  • Sebastian Bolz sagt:

    @Barbara Eichner: Die vier Punkte waren ganz absichtlich nicht aufeinander aufbauend, sondern teilweise widersprüchlich (weil auch von verschiedenen Personen mit abweichenden Meinungen) formuliert. Insofern stimme ich Deiner Beobachtung zu 😉

    @Martin Hufner: Ohne polemisch werden zu wollen: Warum ein privater Studieninfo-Anbieter zuverlässigere Zahlen als das statistische Bundesamt (und in Anlehnung daran eine zentrale Institution für musikbezogene Ausbildung) zu bieten haben sollte, erschließt sich mir ebenso wenig wie der Vorwurf fehlender Übersicht. Selbstverständlich haben alle Institute Übersichten über ihre Entwicklungen. Alle Kolleg*innen, mit denen wir sprechen, bestätigen – wie unsere eigenen Institute – diese Tendenzen, sodass wir keinen Anlass haben, den offiziellen (!) Zahlen zu misstrauen.
    Dass das Fach früher kleiner war, trifft übrigens nicht zu. Vielmehr erkenne ich in Ihrem Satz ein Widerspruch: ‚Die Forschung war enger, aber nicht schlechter.‘ Das trifft nur dann zu, wenn gelten soll „Lieber gar nicht forschen als schlecht forschen.“ Ich unterschreibe ihn so gewiss nicht.

  • Das ist einfach nur peinlich. Die Daten des Statistischen Bundesamtes heranzuziehen, wo man ja auch Musikgeschichte studieren kann. Warum ist es so schwer, die nötige Datenbasis herzustellen. So sind die Zahlen pures Geblubber. Aber einen eigenen Absatz haben sie dann doch, der „Objektivität“ andeuten soll. (Ist das wirklich ein Niveau, das Musikwissenschaft methodisch gerade repräsentiert?). Es kann doch nicht so schwierig sein, diese Daten aufzutreiben und zuzuordnen. Mmmmmh, offenbar doch, aber warum eigentlich – man müsste da nur mal eine Abfrage starten, und nicht via miz auf Sekundärquellen setzen über deren Ermittlung selbst das miz . Das ist je auch Ihnen selbst immerhin eine Fussnote wert: „Hier wird jährlich eine Rubrik „Musikwissenschaft/-geschichte“ erfasst, wobei nicht genau ersichtlich ist, welche Studiengänge in diese Kategorie fallen – ob hier also zum Beispiel neu entstandene Musikmanagementstudiengänge eingeschlossen werden.“ Es ist aber nicht nur „nicht genau“, sondern „gar nicht genau“. Das MIZ: „Aufgrund von z. T. voneinander abweichenden Schlüsselzuordnungen landesspezifischer Hochschulfächer in den bundeseinheitlichen Fachbereich kann es bei den Zahlenreihen zu Ungenauigkeiten kommen.“ Das nennt man dann eine solide Datenabasis? Ich habe da Schwierigkeiten. Aber vielleicht arbeitet man heute methodisch auf diese Weise.

    Wie kompliziert die Sache wirklich sein könnte, macht Ihre Kollegin Dörte Schmidt dagegen ziemlich deutlich. „In den 1980er Jahren setzten andere große Musikhochschulen ein eigenes Promotionsrecht in Gang (zunächst West-Berlin, Hannover und Köln, heute nahezu überall). Mit der Bologna-Reform haben sich über die Promotion hinaus auch zunehmend musikwissenschaftliche Bachelor- und Master-Studiengänge an Musikhochschulen verbreitet.
    Einerseits macht das die Vielfalt der Anschlussmöglichkeiten der Disziplin in viel breiterer Weise öffentlich sichtbar, als es in den alten Studienstrukturen der Fall war, andererseits sorgt es aber auch für nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten bei der Orientierung in diesem Angebot. Teilweise ändern sich Benennungen und Ausrichtungen relativ schnell. Die Sichtbarkeit von Angeboten hängt überdies stark von den Kapazitäten der jeweiligen Institutionen für Öffentlichkeitsarbeit ab, was u. a. dazu führt, dass viele der (in der Regel nicht fachlich spezifisch ausgerichteten) Suchmaschinen für Studienmöglichkeiten im Netz leider unzuverlässige Informationen bieten. Eine gute Orientierung über die fachliche Ausrichtung der Institute bietet neben dem Blick auf die Studiengänge selbst immer auch derjenige auf die Forschungs- und Tätigkeitsprofile der einzelnen Mitglieder des jeweiligen musikwissenschaftlichen Instituts oder Seminars bzw. der zuständigen musikwissenschaftlichen Mitglieder interdisziplinärer Institute bzw. Departements. Hilfreich ist ebenso der Blick auf die musikwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen der letzten Jahre und auf die nach Instituten dokumentierten Themen der abgeschlossenen Dissertationen.“ Dörte Schmidt – https://miz.org/de/beitraege/musikwissenschaft).

    Weder die Methodik noch die Durchführung dieses Beitrags sind geeignet, irgendwelche Prognosen geschweige denn Diagnosen zu stellen. So wenig wie die Anzahl von Studienanfänger:innenn in irgendeinem anderen Fach.

    PS: Geht es jetzt um musikwissenschaftliche Forschung, die übrigens nicht nur an Hochschulen oder Unis stattfindet. Oder geht es um Studienzahlen, die zumindest nix über die Musikwissenschaft aussagen. Sämtliche hinzutretenden Parameter, wie die Studienreformen mit dem Bologna-Prozess etc. sind ausgeblendet.

    PPS: Den Stand, den die deutsche Musikwissenschaft nach außen prägt und trägt, zeigen die Konflikte anlässlich der Veröffentlichung der Mauser-Festschrift dafür sehr deutlich. Und natürlich die Debattentiefe und -breite hier im Blog. Da waren die Studierenden Ende der 90er Jahre mit ihrer Mailingliste MuWi-Spektrum meines Erachtens deutlich weiter.

  • Moritz Kelber sagt:

    Im Grunde stimme ich ihnen zu, Herr Hufner: Ich hätte auch gerne eine bessere Datengrundlage.

    Zwei Anmerkungen habe ich aber doch:
    1. Es kann nicht die Aufgabe einzelner Forscher*innen sein, eine solche Datenbasis nebenbei herzustellen sondern, es wäre an den Fachgesellschaften (hier ganz bewusst im Plural formuliert), diesen enormen Arbeitsaufwand zu stemmen.
    2. Sie schrieben: „Es kann doch nicht so schwierig sein, diese Daten aufzutreiben und zuzuordnen“. Doch ist es: Haben sie schon einmal versucht, bei einer Universitätsverwaltung die eigenen Studierendenzahlen abzufragen? Selbst für Mitarbeiter*innen der jeweiligen Hochschulen ist das nicht möglich, ohne dass man (gefühlt) 10 Formulare ausfüllt. Die Daten von fremden Hochschulen abzufragen grenzt an Unmöglichkeit. Da geht es nicht nur um Datenschutz. Viele Kolleg*innen wollen gar nicht, dass man die Situation im eigenen Institut nach außen dringt. Genau deshalb gibt es ja Einrichtungen wie das statistische Bundesamt, auf die übrigens auch das MIZ als (soweit ich sehe) einzige Primärquelle zugreift. Dass deren Daten nicht die „Auflösung“ haben und nicht so transparent dokumentiert sind, wie Sie und wahrscheinlich wir alle uns wünschen würden, ist tatsächlich bedauerlich.

  • Das unterschreibe ich sofort. Hat die Fachgesellschaft daran aber überhaupt ein Interesse? Mitte der 80er Jahre entstand übrigens der erste studentische Studienführer Musikwissenschaft. Die Initiative ging von Freiburg aus. Angeschrieben wurden die Fachschaften der Unis noch per Brief. Die Daten waren halbwegs akkurat. Der DVSM hat sich in der Folge aus der Initiative entwickelt. Auch erinnere ich mich dunkel an wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Studiummotivation.

    Man müsste heute zunächst aber, weil alles komplizierter geworden ist, damit anfangen, zu bestimmen, was überhaupt Musikwissenschaftstudium ist, wo die vielen neuen Studiengänge hinzutreten und „auch mal Musikkulturen und Sounddesign“ oder „Angewandte Musikwissenschaft“ heißen oder zum Teilbereich der Theaterwissenschaft sich zählen ließen. Etc.

    Kurzum: Man könnte endlich mal damit anfangen, die Datenbasis zu legen. Interessant dabei: Das Interesse daran scheint gegeben. Vielleicht ist die Lage aber mittlerweile auch zugleich so unübersichtlich, dass es unmöglich geworden ist. (Studienanfänger:innen, Abbrecher:innen etc. pp.) Wäre auch ein Ergebnis. …

  • Moritz Kelber sagt:

    Ich glaube die Datengrundlage in Sachen Studierendenzahlen ist nicht einmal so das Problem. Wäre natürlich schön, ist aber vielleicht den Aufwand nicht wert. Wir haben uns mit der Veröffentlichung des Texts auch deshalb zeit gelassen, weil wir die eigenen Beobachtungen und die Zahlen in Gesprächen mit Kolleg*innen absichern wollten. Der Rückgang ist schon real und viele Standorte fürchten um ihre Existenz (oder sollten darum fürchten). Ich nenne hier bewusst keine spezifischen Standorte, weil solche Auskünfte immer im Vertrauen und mit Vorsicht – in der Regel von Kolleg*innen aus dem Mittelbau – erteilt werden. Ob wir jetzt 40% oder 50% verloren haben, ist vielleicht auch nicht so wichtig.

    Wo ich wirklich Handlungsbedarf sehe, ist die Herstellung einer ordentlichen Datengrundlage, welche Art von Musik(wissenschafts)studiengang für Studienanfänger*innen und Bachelorabsolvent*innen interessant wäre.

    Die Sache mit dem Studienführer geht mir auch schon länger im Kopf herum. Ein online-Portal wäre ja der perfekte Ort, um sich als attraktives Studienfach in der ganzen Breite zu präsentieren. Das muss aber professionell und mit Geld gemacht werden. Gerade bei solchen Angeboten konkurriert man mit sehr gut finanzierten Initiativen – gerade aus dem MINT-Bereich-, die mit viel Geld eine enorme Reichweite erzeugen.

  • Das wäre in der Tat eine gute Sache. Eigentlich müsste man dafür auch Geld auftreiben, wenn man denn schon die Befürchtung hat, dass es den Berg runter geht. Was ich aber auch glaube, ist, dass dem allein schon das Selbstbild entgegensteht; wie Studierende oder Mittelbauende oder Profixe ihr Fach sehen. Da wird man wenig gut zusammenfinden. Meine Nebenbeobachtung hier ist gleichwohl diese, dass, egal, was man studiert und wo, die Beschreibung dessen, was man damit danach anfangen kann, fast identisch ist.

    „Berufliche Tätigkeiten ergeben sich in tradierten Berufsfeldern (wie z.B. Oper, Musiktheater, Konzertinstitutionen, Museen, Verbände, Verlagswesen, Stiftungen etc.) als auch in den musiknahen Bereichen der modernen Kultur- und Kreativwirtschaft (z.B. in der Musik- und Soundproduktion und -distribution, im Kultur- und Eventmanagement, in der redaktionellen und konzeptionellen Arbeit bei Radio, Fernsehen und Online-Musikportalen).
    Der Masterabschluss qualifiziert darüber hinaus für Tätigkeitsbereiche in der Wissenschaft, also in Universitäten, Fachhochschulen, öffentlichen oder privaten Forschungseinrichtungen und für die Promotion.“ (Bonn: Musik- und Klangkulturen …)

    „Dass geisteswissenschaftliche Studiengänge meist nicht direkt auf den Beruf hin ausbilden, den die Absolventen danach ergreifen, ist hinlänglich bekannt. Für die Musikwissenschaft gilt nun die erfreuliche Situation, dass es relativ viele fachlich verwandte Berufsfelder gibt. Alle Kunst- und Kulturbetriebe, die mit Musik zu tun haben, sind potenzielle Arbeitgeber, ob es sich nun um Opernhäuser, Orchester, öffentliche Kulturinstitutionen, Konzertveranstalter, Künstleragenturen und Labels handelt oder um Forschungsinstitute, Verlage, Archive, Museen oder den journalistischen Sektor. In vielen Bereichen sind die Tätigkeiten zudem noch einmal ausdifferenziert in Vermittlung von Inhalten im engeren Sinne, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Eventmanagement oder organisatorische Einheiten wie etwa ein künstlerisches Betriebsbüro. Gerade der Standort München hat mit unzähligen öffentlichen und privaten Arbeitgebern im deutschen Sprachraum nahezu konkurrenzloses Potenzial. Der Berufseinstieg über Praktika oder Nebenjobs gelingt hier häufig.“ (München: LMU Musikwissenschaft)

    Ich bin – gefühlt – aber nach wie vor der „Meinung“, dass die Studienanfänger aktuell nur besonders breit verteilt auf innerhalb der Musikwissenschaft konkurrierenden Studiengängen und deren Nachbarn sich verteilen. (Eben Musikdesign und Musik- und Klangkulturen und Sound Studies …)

  • Kyle Kahraman sagt:

    Für mich (als noch studierender im Fach), fehlt ein ganz großer Grund:

    Der Großteil des Faches wird nicht unterrichtet. Die systematische Musikwissenschaft macht einen großen Teil des Gegenstands der Musik aus und diesen gibt es viel zu wenig präsent, oder er wird an andere Fächer (Psychologie, Physik bspw.) abgegeben. Das Studium der Musikwissenschaft in Deutschland ist primär das der Musikgeschichte und einem kleinen Teil Musikethnologie und Ästhetik. Die Spitzenposition, welche Psychologie an den Universitäten und in der Öffentlichkeit annimmt (der Reduktionismus) in der wissenschafts Hierarchie wird einfach angenommen. Man versperrt sich regelrecht vor einer „Öffnung“ des Faches. Das einzige, was für mich die Musikwissenschaft retten kann ist eine „Aktualisierung“ welche sich zu der empirischen Forschung öffnet. Damit löst man sehr leicht das Problem der Berufsfindung, da studierende so auch Statistik lernen würden und allein damit für viele Positionen qualifiziert wären, aber auch weil der spätere Forschungsweg wesentlich offener wäre. Es gibt sehr viele Unis im Ausland wo auf Grundlage eines Zusammenschlusses zwischen Musik- und Kognitionswissenschaft gearbeitet wird. Außerdem ist das Fach dadurch viel weniger eines, was man Freunden u. Familie kompliziert erklären muss und schämt sich auch weniger für ein „Orchideenfach.“

  • Moritz Kelber sagt:

    Ein Nachtrag:

    Wir wurden darauf hingewiesen, dass wir in unserer Aufschlüsselung eine wichtige Kennziffer vergessen haben: Die Zahl der Absolvent*innen. Tatsächlich zeichnet sich hier auf den ersten Blick ein weitaus stabileres Bild ab, denn diese Zahl stagniert bzw. steigt sogar leicht. Die Umstellung auf Bachelor-/Master scheint die Studiengeschwindigkeit erhöht und die Abbrecher*innenquote merklich reduziert zu haben (Quelle [S. 410]).

    Allerdings gilt es auch hier, die allgemeine Entwicklung an den Hochschulen nicht aus den Augen zu verlieren. Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, uns das Zahlmaterial im Bereich der Abschlüsse genauer anzusehen. Eine oberflächliche Gegenüberstellung der stark steigenden Gesamtabsolvent*innenzahlen (unterschieden nach Bachelor und Master) mit den Abschlüssen im Fach Musikwissenschaft deutet jedoch an, dass auch in diesem Bereich (mit Blick auf die letzten Jahre) von einem relativen Rückgang ausgegangen werden muss (Quelle: https://www.datenportal.bmbf.de/portal/de/Tabelle-2.5.44.pdf).

    Auch hier gilt die Einschränkung: Wir sind für diesen Text auf das frei verfügbare Zahlenmaterial angewiesen und würden uns eine besser aufgelöste Datenbasis natürlich sehr wünschen.

    p. s. Wir freuen uns über Hinweise auf an dieser Stelle noch nicht erwähnte Quellen in den Kommentaren.

  • Tobias Robert Klein sagt:

    Vielen Dank an alle Beteiligten für die engagierte Diskussionen über ein nicht unwichtiges Thema.

    Auf die inhaltliche Diskussion über mögliche Gründe möchte ich mich hier erst einmal nicht einlassen (es würde auch mehr Zeit erfordern, als ich im Augenblick habe), ich teile – paradoxerweise – aber sowohl die Ansicht, dass ein Rückgang der Studierendenzahl nicht notwendig ungesund sein muss, als auch die Sorgen über den damit potentiell verbundenen Rückgang an Stellen und öffentlicher Sichtbarkeit. Auch das was Moritz Kelber über die Schwierigkeiten bundesweiter Erhebungen sagt, kann ich nur bestätigen und selbst die GfM, die ja nur eine halbe hauptamtliche Mitarbeiterstelle besitzt, würde an einer solchen Aufgabe vermutlich zu knabbern haben.

    Interessieren würde mich aber zunächst auch , ob der sich in der Absolventenzahl anscheinend nicht so deutlich spiegelnde Rückgang der eingeschriebenen Studierenden eine kontinuierliche Entwicklung ist, oder sich in ruckartigen Schüben vollzieht. Für letzteres gäbe es m.E. mindestens zwei termini ante quem:

    1. Die Bologna-Reform: Über deren Sinn oder Unsinn will ich hier nicht erneut streiten, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass sie nicht nur zu einem strafferen Studium, sondern auch der Bereinigung der Statistik von „Karteileichen“ geführt hat. Zu meinen eigenen Studienzeiten in den (späten) 1990er Jahren hatte jedes der damals noch existierenden Berliner Institute (FU, TU, HU) mehrere hunderte Studierende, von denen in den Lehrveranstaltungen faktisch nur ein Bruchteil erschien. Man schrieb sich für Musikwissenschaft (das das immer NC-frei war) ein, z.T. als Parkstudium, weil man sich auf eine Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vorbereitete bzw. diese wiederholen wollte oder sei es auch nur, um in den Genuss einer verbilligten Nahverkehrskarte zu gelangen. (Ähnliches gilt vermutlich auch für andere großstädtische Institute wie z.B. Köln, Hamburg usw.)

    2. Die Corona-Pandemie + Ukraine-Krieg + Inflation etc. pp.: Ich unterrichte an der HU als Privatdozent. Hier beklagen eigentlich fast ALLE geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer (also auch die großen neusprachlichen Philologien) einen Rückgang der Bewerbungszahlen im Vergleich zu prä-pandemischen Zeiten. Dies ist also scheinbar keine allein musikwissenschaftsspezifische Entwicklung und ich schließe durchaus nicht aus, dass man in ökonomisch wie politisch harten Zeiten dreimal darüber nachdenkt, bevor man sich einmal für ein solches Studienfach entscheidet.

  • Moritz Kelber sagt:

    Ein Nachtrag: Das MIZ hat Ende 2022 Zahlen veröffentlicht, die erste Erkenntnisse über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Musikstudiengänge ermöglichen. Der Abwärtstrend im Fach Musikwissenschaft hat sich weiter verschärft. [LINK]

  • Q sagt:

    Das Argument der Schulen wird mir zu leicht abgetan. Anmeldungszahlen im Bereich der Schulmusik sagen nichts über die Anforderungen des Unterrichts aus. oftmals ird nur noch Michael Jackson o.ä gesungen. Der Kontakt mit klassischer Musik sowie Musikthoerie in ihrer einfachsten Form wird oft auf banalste Weise angesprochen (Der Dreiklang schaut aus wie ein Schneemann) oder gleich ganz weggelassen (Abiturienten, die mündliches Abitur machen und keine Noten lesen können)

    Ebenso muss man sagen, dass Musikwissenschaft, wie ihr selber geschrieben habt, manchmal verpasst mit der Zeit zu gehen. Manche Kurse sind verstaubt und aus heutiger Sicht nicht mehr so relevant wie es andere Kurse wären, die aber nicht angeboten werden.

    Und zu guter letzt. aus eurer Beobachtung heraus, die ihr beiden ja Dozenten an Universitäten seid. Wie viele der Studierenden haben I den letzten Jahren MuWi studiert ohne den Hintergrdanken einer Aufnahmeprüfung oder eines Zweitstudiums? Aus meinem Jahrgang wollten die meisten an eine HS für Musik und haben MuWi interimsmäßig, als Vorbereitung oder aus Spaß zusätzlich zu einem, wie es dann heißt und so sehr ich diese Formulierung hasse „richtigen Studium“, studiert.

  • Moritz Kelber sagt:

    @Q Danke für den Kommentar!
    Der ersten Beobachtung stimme ich im Grunde zu: Ich vermute, dass es ein Auseinanderdriften von der schulischen Ausbildung im Bereich Musik und den Inhalten eines musikwissenschaftlichen Studiums gibt. Musik wird im Gymnasium ganz absichtlich immer praxisnäher unterrichtet – was man nicht schlecht finden muss. Das hat aber selbstredend zur Folge, dass die Idee sich über Musik auf wissenschaftlicher Ebene Gedanken zu machen für Schüler*innen immer ferner liegt. Ein Grund für diese Entwicklung dürfte sein, dass sich die universitäre Musikwissenschaft an vielen Standorten fast vollständig aus der Lehrer*innenbildung zurückgezogen hat. Das wäre aber Thema für einen eigenen Text.
    Bei der zweiten Beobachtung, die zweifellos richtig ist, würde ich einschränkend bemerken, dass Studieninteressierte den Inhalt von einzelnen Kursen kaum wahrnehmen dürften und dass es vermutlich vor allem um ein diffuses Gesamtbild eines Fachs geht (wie immer sich das auch zusammenstellt).
    Das Phänomen von MuWi als Ausweich- oder Zwischenstudium ist tatsächlich keine neue Entwicklung. Das gab es auf jeden Fall schon in Zeiten des Magisters. Ich finde das auch eigentlich nicht schlimm – als Dozent. Wenn ich angehenden Musiker*innen ein bisschen wissenschaftliches Denken vermitteln kann, dann ist doch schon viel gewonnen. Ich persönlich mache hier sogar eine leichte Verbesserung durch das Bachelor/Master-System aus. Die Anzahl der Menschen, die ihr Studium trotz einer bestandenen Aufnahmeprüfung beenden, ist merklich gestiegen. Die gesunkene Studiendauer bis zum jeweiligen Abschluss ist hier sicherlich der Grund.

  • Ute Evers sagt:

    Ich glaube jetzt eher nicht, daß den potentiellen Studierenden die Musikwissenschaft zu eurozentrisch ist, weil dann würden sie nicht reihenweise Germanistik oder Kunstgeschichte studieren. Meiner Meinung nach ist der Grund eher eine absolute soziale Selektion. Zwar kann theoretisch jeder MuWi studieren, der ein Abi hat, de facto bringen aber mindestens 90% der Studierenden eine umfassende musikalische Bildung mit, die sie in den allermeisten Fällen nicht aus der Schule haben, sondern die von den Eltern finanziert wurde. Und in der Schule unterrichten Musiklehrer noch oft so, daß sich Schüler ohne musikalische Vorbildung ausgeschlossen fühlen, das wurde mir von mehreren Musikpädagogen, die Lehrer aus- und fortbilden, erklärt.

    Gleiches gilt auch für die B.Mus./M.Mus.-Studierenden. Die einzigen Ausnahmen davon sind ein paar Studierende, die aus dem ländlichen Raum aus der dortigen Blasorchesterszene kommen.

    Der Studierendenrückgang in absoluten Zahlen ist geringer als prozentual. Das liegt m.E. daran, daß die Zahl der Leute, die diese soziale Selektion überstehen, nicht größer wird.

    Das Problem kann man nur lösen, indem man den Zugang zu musikalischer Bildung für Kinder und Jugendliche demokratisiert.

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