Provokationen und Unver­schämt­heiten – eine Replik

Ich habe etwas gezögert, zu antworten, aber mit dem zweiten Text zum Thema von Sebastian Bolz, drängt es mich nun doch, einige Gedanken beizusteuern. Mein Kommentar bezieht sich auf beide Texte – plus der Kommentare zum ersten Artikel.[1] Ein Festhaltenwollen am institutionellen Status quo – diesen Willen lese ich aus den Thesen und der Diskussion zu den „Anforderungen an die Musikwissenschaft in Zeiten sinkender Studierendenzahlen“ – ist sicherlich mit Blick auf einen überschaubaren Arbeitsmarkt für Musikwissenschaftler nachvollziehbar und ehrenwert. Ein Klammern an das Bestehende aus Gründen des Prestiges, der Sicherung akademischer Pfründe, aus Angst vor gesellschaftlichem und interdisziplinärem Bedeutungsverlust ist es freilich nicht. Geforscht wird, meine ich, immer, sobald die Notwendigkeit dazu gegeben ist, dort wo Aufklärungs- oder Verstehensbedarf besteht. Wissenschaftliche Neugier sucht sich ihren Weg, schon immer.

Konsequent weitergedacht gilt dies natürlich auch für die berufsausbildende Funktion. Es stellt sich doch die Frage: Für welche Aufgaben und Anforderungen außerhalb der notwendigen Qualifikationen für eine akademische Berufslaufbahn taugt denn ein musikwissenschaftliches Studium? Editionswesen? Für die Schulmusik? Für Letzteres reicht eine musikwissenschaftliche Grundausbildung. Für den Arbeitsmarkt im musikaffinen Medienbetrieb? Da spielt die E-Musik mit ihrem nahezu immer gleichen Repertoire, das dominiert, und einem Ranking der Einschaltquoten im einstelligen Bereich gesamtgesellschaftlich gesehen nur eine marginale Rolle; und braucht es im U-Musikbereich – produzierend wie reproduzierend – für das Füttern der Medienbestie tatsächlich zwingend Musikwissenschaftlerinnen? Was erwerben diese denn an besonderen Fähigkeiten, außer dem Verstehen einer Minderheitensprache? Notenlesen sollte man ja schon können, wenn man dies studiert. Was also an Originärem, das nicht auch durch jedes andere geisteswissenschaftliche, philologische oder historische Studium, vermittelbar wäre? Reicht für die Ausbildung zur praktizierenden Musikerin, auch Schulmusikerin, nicht eine musikwissenschaftliche Grundausbildung, geht es doch in erster Linie um das handwerkliche Beherrschen des Instruments? Ich rede hier nicht von der Innensicht unserer Disziplin und daraus abgeleiteten Ansprüchen, sondern von der Außenwahrnehmung, wie ich sie von jenem Bevölkerungsteil meines Umfeldes, der nicht mit musikwissenschaftlichem Interesse gesegnet ist, vermittelt bekomme Martin Hufner (in der Kommentarspalte zu den vier provokationen) ist beizupflichten, der die eigentliche Initialfrage stellt: „Welchen Schaden erleidet hier eigentlich wer?“, die wiederum zu den wirklichen Kernfragen in dieser Sache führt: Von welchem Schaden reden wir? Schaden am Fach? An der Forschung (Antwort: nein); an der Berufsausbildung (nein; denn einen berufsbezogenen Ausbildungsbedarf, der den darauf wartenden Arbeitsmarkt sättigen soll, wird es nach den Gesetzen der Ökonomie auch weiterhin geben); am bestehenden System? Sicherlich. Aber, wenn wir nun zugeben müssten, dass dies zu Recht geschieht, weil es marode ist? An der Anerkennung? Nein, denn diese verdienen wir uns sicherlich nicht über die Anzahl an Professorenstellen. Die Antwort von Sebastian Bolz, dass wir durch den behaupteten Interessensschwund damit unseren Anspruch als „ernstzunehmendes akademisches Fach“ verlieren könnten, geht deshalb, meine ich, an der Sache vorbei, da sie– polemisch zugespitzt – die Ernsthaftigkeit unseres Faches an den Studienzahlen und Professorenstellen festmacht, also institutionell begründet, nicht mittels Forschungsinteresse und überzeugender Forschungsleistung.

Aus meiner Sicht bedeutet das prognostizierte „Wegbleiben von Lernenden mittel- und langfristig“, zwar möglicherweise, „dass weniger Mittel in Personal fließen“, aber auf keinen Fall, dass somit auch der „Fortbestand akademischer Forschung in der Musikwissenschaft“ gefährdet wäre. Wo gegenüber Mittel verwaltenden Entscheidern Forschungsbedarf überzeugend begründet werden kann, wird es immer unabhängig von Studierendenzahlen Forschung geben, nicht zuletzt auch jenseits etatisierter Planstellen an Hochschulen. Auch wenn das Einwerben schwieriger werden dürfte.

Zu These 1 und 2: Warum nur stellt keiner die eigentlich basale Frage, zu was und welchem Zweck wir forschend Musikwissenschaft betreiben? Welches Rätsel wir lösen wollen, das die Menschheit mit Hilfe der Musikwissenschaft bislang nicht zu lösen imstande ist und dessen Geheimnis nur diese spezielle Disziplin zu enträtseln vermag? Geht es um das generelle „Verstehen von Musik und ihrer Wirkmächtigkeit“, dann bin ich absolut überzeugt, dass die in These 1 vermutete allzu enge thematische Schwerpunktsetzung zutreffend sein könnte, und ebenso, dass, These 2, eine „musikalische Allesfresserei“, das Rätsel weder des Schwundes noch der oben formulierten Grundfrage nach dem Sinn unseres Faches nicht zu lösen im Stande ist, mithin auch kein größeres Studieninteresse wecken würde. Das ist Wunschdenken, zumal ein breiteres Fächerspektrum zu studieren ja bereits möglich ist.

Zu These 3: Zur Berufsvorbereitung war die Musikwissenschaft zu allen Zeiten gut. Das ist nicht neu. Aber Forschung existiert (hoffentlich) auch unabhängig von einem berufsausbildenden Studieren. Wenn die „aktuellen wissenschaftspolitischen Bedingungen auf die Trennung dieser beiden Felder“ (Forschung und Lehre) zulaufen sollten, wäre dies wohl tatsächlich ein Prozess der Gesundung und nur von denen zu beklagen, die den Status quo für naturgesetzlich gegeben halten. „Bessere Formate auf guten Sendeplätzen/Kanälen“ als eine der Rettungsmöglichkeiten anzustreben, wie Patrick Dziurla vorschlägt, wäre dann nur der Versuch, mit elaborierteren Mitteln etwas verkaufen zu wollen, was längst marode ist.

Und, liebe Barbara Eichner, dass Medienschaffende eher an „dämlichen Dirigenten oder einer hyperventilierenden Wagnerianerin“ interessiert seien, als an „Klischees dekonstruierenden“ Musikwissenschaftlerinnen, liegt natürlich an den medial geforderten Voraussetzungen. Die Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsmaschinerie giert nach meinungsstarken, emotional unterfütterten Statements statt nach Differenzierung. Leider gibt es allzu selten, soweit ich das wahrnehme, souveräne, renommierte, sprechbegabte Musikwissenschaftler, die mit ihrer Person und fachlichen Autorität bereit wären, sich auch populärwissenschaftlich verständlich (und damit außerfachliches Interesse weckend) medial zu äußern. Vielleicht ist es aber auch nicht nur eine Sache begrenzter persönlicher oder kommunikativer Fähigkeiten, sondern nicht wenig ein Defizit unserer Disziplin. Schließlich weiß jeder, der Musik hört und liebt, auch ohne Studium, was Musik ist, und kann „irgendwie“ mitreden. Und für das bisschen Musikgeschichte als Hintergrundinformation gibt’s Suchmaschinen, da findet man immer irgendwas (ja ich weiß, den Content muss ja auch Jemand einstellen; aber da reicht ja inzwischen ChatGPT).

Dass, wie Sebastian Bolz im Artikel oben schreibt, das „Schreiben von ‚Publikumsliteratur‘ […] bislang keinen nennenswerten Reputationsgewinn“ abwerfe und deshalb „entsprechend weit unten auf der Agenda des sogenannten ‚Nachwuchses‘ stehe, ist meiner Wahrnehmung nach nicht die Ursache, sondern nur ein weiteres Symptom unter vielen eines längst fragwürdig gewordenen elitären Wissenschaftsverständnisses, internalisiert in der „deutschen Publikationspflicht von Dissertationen“ und einer hierzulande „anders gearteten Buchkultur“. Wir beklagen einerseits unser Gefangensein im Elfenbeinturm und versuchen gleichzeitig, dieses Refugium zu verteidigen, zu rechtfertigen. Ich halte dies – sorry für diese Drastik und nicht persönlich gemeint – für ausgesprochen scheinheilig und wirklichkeitsfremd.

Glauben wir denn wirklich, man könnte jemanden Unbedarften für Editionstechnik interessieren? Wer, außer den im großen Markt der Berufstätigen verschwindend geringen Zahl an Lektoren, Operndramaturgen oder musikwissenschaftlichen Editoren, beispielsweise, sollte daran Interesse haben? Diese sind qua Tätigkeit unsichtbar, verschwinden allesamt hinter den von ihnen mitgestalteten Produkten (Notenausgaben, Opernproduktion, kritische Editionen).

Mit Musikwissenschaftlern und Themen der Musikwissenschaft generiert man nun Mal kein breites, vielleicht nicht einmal ein geringes Publikumsinteresse in den sozialen Medien, den Talkshows oder anderen populärkulturellen Formaten. Das ist vielleicht auch gar nicht erstrebenswert. Deshalb meine ich, wir sollten die hier diskutierte, als Bedrohung des Status quo empfundene Entwicklung als Chance nutzen, die Legitimation unseres Faches als akademische Disziplin grundlegend neu zu überdenken.
Mitunter hilft auch ein Blick in die Geschichte: „Die Genese der historischen Wissenschaften im frühen 19. Jahrhundert setzen die Erschütterung der abendländischen Tradition durch Aufklärung und moderne Industriegesellschaft voraus. Sie stellen den Versuch dar, das Verlorene reflektierend einzuholen und dadurch den Kontinuitätsbruch zu kompensieren“, so Joachim Ritter (Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft, in: Jahresschrift 4, 1961, der Gesellschaft zur Förderung der Westf. Wilhelms-Universität zu Münster). Wer Ritters Interpretation akzeptiert, kann sich daher der Konsequenz nicht verschließen, dass die historischen Wissenschaften zusammen mit der Tradition allmählich, seit Längerem schon und nicht erst heute, der Vergleichgültigung anheimfallen, und dass ihre Epoche sich zuletzt als eine bloße Interimsphase zwischen einer naturwüchsigen und einer endlich für überflüssig gehaltenen und in Vergessenheit geratenen Tradition erweisen mag. Was als Erkenntnis freilich nicht neu ist: Schon Nietzsches Zweite Unzeitgemäße Betrachtung hatte die historische Bedingtheit der historischen Bewegung aufgedeckt.

Eine Sendung im Deutschlandfunk vom 24. November 2006 mit dem Subtitel „Zur Situation der Musikwissenschaft in Deutschland“ brachte es mit O-Tönen von Christoph Wolff, Wolfgang Auhagen, Susanne Rode-Breymann und Peter Wicke damals bereits exemplarisch auf den Punkt. Ich zitiere wörtlich aus dem Skript: „Die Musikwissenschaft hat sich abgekoppelt vom Musikleben“ … „Wir haben ‚ne Bach-Ausgabe, ‚ne Mozart-Ausgabe, ‚ne Schubert-Ausgabe, ‚ne Brahms-Ausgabe, ‚ne Mendelssohn-Ausgabe“ … „und das bringt das Fach zum Tod“ … „das hat einfach mit der Wirklichkeit von heute alles nichts mehr zu tun“ … Auhagen: „Die Musikwissenschaft steckt in der Krise, sie hat es vielleicht noch nicht gemerkt“ und Wolff ergänzt: „ich sehe relativ schwarz, das gebe ich Ihnen offen zu“.

„Öffentlichkeitswirksame Wissenschaftskommunikator*innen mit musikwissenschaftlichem Hintergrund sind „die Ausnahme“? Nein, lieber Sebastian, es gibt sie schlicht nicht. Auffällig ist doch gerade die Absenz oder auch Zurückhaltung fachintern (aber eben nur fachintern) denk- und sprachmächtiger Musikwissenschaftler*innen, wenn es um gesellschaftliche und kulturkritische Debatten geht, insbesondere im Feuilleton oder in interdisziplinären Kontexten. Ein gelegentliches publizistisches Räuspern anlässlich neuer musikwissenschaftlicher Projekte, oder beiläufige, nicht selten im Ton gereizte, Anmerkungen zu Veranstaltungen des Musiktheaters in der FAZ oder NZZ reichen hierfür sicherlich nicht aus.

Was Armin Nassehi in seinem Festvortrag auf der Hochschulrektorenkonferenz 2017 in Bielefeld für eine moderne Wissenschaft in der heutigen Gesellschaft forderte, wäre auch für die Musikwissenschaft essentiell [ich zitiere Nassehi]: Wissenschaft muss „einen Raum der Abweichungsverstärkung anbieten können“. Es brauche, „die Mentalität und die Bereitschaft, sich auf neue Fragestellungen einzulassen“. Wissenschaft muss, so Nassehi, „um gesellschaftlich relevant zu sein, an sich selbst Innen- und Außenperspektiven unterscheiden lernen. Solche Fragen nach dem Grenzregime könnte man Übersetzungsfragen nennen. Bräuchte Wissenschaft in einer so komplexen Umwelt nicht zunehmend die Fähigkeit, ihre eigenen Transferbedingungen nach außen stärker in den Blick zu nehmen und müsste sie dies nicht als wissenschaftliche Frage behandeln? Kluge Wissenschaft wird jedenfalls Fragen nach ihrer Praxistauglichkeit, nach ihrer Verwertbarkeit und ihrer gesellschaftlichen Relevanz offensiver formulieren müssen […] Und hierfür brauche es eine „Sozialfigur“, die John Stuart Mill schon im 19. Jahrhundert als denjenigen beschrieben hat, der in der Lage ist, die ausgetretenen Pfade des Gewohnten zu verlassen und die Gesellschaft mit Abweichung zu versorgen“, einen „methodisch kontrollierten Exzentriker“. Dass es der Musikwissenschaft „an öffentlichkeitswirksamen Gallionsfiguren mangelt“, mag ja zugegeben eine wohlfeile Diagnose sein. Sie ist aber leider zutreffend und im Sinne der Forderung von Nassehi ein grundlegendes Problem unseres Faches. Und das nicht erst heute.

Zur Person: Reiner Nägele ist Leiter der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek.


[1] Dieser Text erschien zunächst als Kommentar zu „Musikwissenschaft als Auslaufmodell – Vermutungen und Unverschämtheiten“ und wird hier nochmals zur Debatte gestellt.