Provokationen und Unver­schämt­heiten – eine Replik

Ich habe etwas gezögert, zu antworten, aber mit dem zweiten Text zum Thema von Sebastian Bolz, drängt es mich nun doch, einige Gedanken beizusteuern. Mein Kommentar bezieht sich auf beide Texte – plus der Kommentare zum ersten Artikel.[1] Ein Festhaltenwollen am institutionellen Status quo – diesen Willen lese ich aus den Thesen und der Diskussion zu den „Anforderungen an die Musikwissenschaft in Zeiten sinkender Studierendenzahlen“ – ist sicherlich mit Blick auf einen überschaubaren Arbeitsmarkt für Musikwissenschaftler nachvollziehbar und ehrenwert. Ein Klammern an das Bestehende aus Gründen des Prestiges, der Sicherung akademischer Pfründe, aus Angst vor gesellschaftlichem und interdisziplinärem Bedeutungsverlust ist es freilich nicht. Geforscht wird, meine ich, immer, sobald die Notwendigkeit dazu gegeben ist, dort wo Aufklärungs- oder Verstehensbedarf besteht. Wissenschaftliche Neugier sucht sich ihren Weg, schon immer.

Konsequent weitergedacht gilt dies natürlich auch für die berufsausbildende Funktion. Es stellt sich doch die Frage: Für welche Aufgaben und Anforderungen außerhalb der notwendigen Qualifikationen für eine akademische Berufslaufbahn taugt denn ein musikwissenschaftliches Studium? Editionswesen? Für die Schulmusik? Für Letzteres reicht eine musikwissenschaftliche Grundausbildung. Für den Arbeitsmarkt im musikaffinen Medienbetrieb? Da spielt die E-Musik mit ihrem nahezu immer gleichen Repertoire, das dominiert, und einem Ranking der Einschaltquoten im einstelligen Bereich gesamtgesellschaftlich gesehen nur eine marginale Rolle; und braucht es im U-Musikbereich – produzierend wie reproduzierend – für das Füttern der Medienbestie tatsächlich zwingend Musikwissenschaftlerinnen? Was erwerben diese denn an besonderen Fähigkeiten, außer dem Verstehen einer Minderheitensprache? Notenlesen sollte man ja schon können, wenn man dies studiert. Was also an Originärem, das nicht auch durch jedes andere geisteswissenschaftliche, philologische oder historische Studium, vermittelbar wäre? Reicht für die Ausbildung zur praktizierenden Musikerin, auch Schulmusikerin, nicht eine musikwissenschaftliche Grundausbildung, geht es doch in erster Linie um das handwerkliche Beherrschen des Instruments? Ich rede hier nicht von der Innensicht unserer Disziplin und daraus abgeleiteten Ansprüchen, sondern von der Außenwahrnehmung, wie ich sie von jenem Bevölkerungsteil meines Umfeldes, der nicht mit musikwissenschaftlichem Interesse gesegnet ist, vermittelt bekomme Martin Hufner (in der Kommentarspalte zu den vier provokationen) ist beizupflichten, der die eigentliche Initialfrage stellt: „Welchen Schaden erleidet hier eigentlich wer?“, die wiederum zu den wirklichen Kernfragen in dieser Sache führt: Von welchem Schaden reden wir? Schaden am Fach? An der Forschung (Antwort: nein); an der Berufsausbildung (nein; denn einen berufsbezogenen Ausbildungsbedarf, der den darauf wartenden Arbeitsmarkt sättigen soll, wird es nach den Gesetzen der Ökonomie auch weiterhin geben); am bestehenden System? Sicherlich. Aber, wenn wir nun zugeben müssten, dass dies zu Recht geschieht, weil es marode ist? An der Anerkennung? Nein, denn diese verdienen wir uns sicherlich nicht über die Anzahl an Professorenstellen. Die Antwort von Sebastian Bolz, dass wir durch den behaupteten Interessensschwund damit unseren Anspruch als „ernstzunehmendes akademisches Fach“ verlieren könnten, geht deshalb, meine ich, an der Sache vorbei, da sie– polemisch zugespitzt – die Ernsthaftigkeit unseres Faches an den Studienzahlen und Professorenstellen festmacht, also institutionell begründet, nicht mittels Forschungsinteresse und überzeugender Forschungsleistung.

Aus meiner Sicht bedeutet das prognostizierte „Wegbleiben von Lernenden mittel- und langfristig“, zwar möglicherweise, „dass weniger Mittel in Personal fließen“, aber auf keinen Fall, dass somit auch der „Fortbestand akademischer Forschung in der Musikwissenschaft“ gefährdet wäre. Wo gegenüber Mittel verwaltenden Entscheidern Forschungsbedarf überzeugend begründet werden kann, wird es immer unabhängig von Studierendenzahlen Forschung geben, nicht zuletzt auch jenseits etatisierter Planstellen an Hochschulen. Auch wenn das Einwerben schwieriger werden dürfte.

Zu These 1 und 2: Warum nur stellt keiner die eigentlich basale Frage, zu was und welchem Zweck wir forschend Musikwissenschaft betreiben? Welches Rätsel wir lösen wollen, das die Menschheit mit Hilfe der Musikwissenschaft bislang nicht zu lösen imstande ist und dessen Geheimnis nur diese spezielle Disziplin zu enträtseln vermag? Geht es um das generelle „Verstehen von Musik und ihrer Wirkmächtigkeit“, dann bin ich absolut überzeugt, dass die in These 1 vermutete allzu enge thematische Schwerpunktsetzung zutreffend sein könnte, und ebenso, dass, These 2, eine „musikalische Allesfresserei“, das Rätsel weder des Schwundes noch der oben formulierten Grundfrage nach dem Sinn unseres Faches nicht zu lösen im Stande ist, mithin auch kein größeres Studieninteresse wecken würde. Das ist Wunschdenken, zumal ein breiteres Fächerspektrum zu studieren ja bereits möglich ist.

Zu These 3: Zur Berufsvorbereitung war die Musikwissenschaft zu allen Zeiten gut. Das ist nicht neu. Aber Forschung existiert (hoffentlich) auch unabhängig von einem berufsausbildenden Studieren. Wenn die „aktuellen wissenschaftspolitischen Bedingungen auf die Trennung dieser beiden Felder“ (Forschung und Lehre) zulaufen sollten, wäre dies wohl tatsächlich ein Prozess der Gesundung und nur von denen zu beklagen, die den Status quo für naturgesetzlich gegeben halten. „Bessere Formate auf guten Sendeplätzen/Kanälen“ als eine der Rettungsmöglichkeiten anzustreben, wie Patrick Dziurla vorschlägt, wäre dann nur der Versuch, mit elaborierteren Mitteln etwas verkaufen zu wollen, was längst marode ist.

Und, liebe Barbara Eichner, dass Medienschaffende eher an „dämlichen Dirigenten oder einer hyperventilierenden Wagnerianerin“ interessiert seien, als an „Klischees dekonstruierenden“ Musikwissenschaftlerinnen, liegt natürlich an den medial geforderten Voraussetzungen. Die Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsmaschinerie giert nach meinungsstarken, emotional unterfütterten Statements statt nach Differenzierung. Leider gibt es allzu selten, soweit ich das wahrnehme, souveräne, renommierte, sprechbegabte Musikwissenschaftler, die mit ihrer Person und fachlichen Autorität bereit wären, sich auch populärwissenschaftlich verständlich (und damit außerfachliches Interesse weckend) medial zu äußern. Vielleicht ist es aber auch nicht nur eine Sache begrenzter persönlicher oder kommunikativer Fähigkeiten, sondern nicht wenig ein Defizit unserer Disziplin. Schließlich weiß jeder, der Musik hört und liebt, auch ohne Studium, was Musik ist, und kann „irgendwie“ mitreden. Und für das bisschen Musikgeschichte als Hintergrundinformation gibt’s Suchmaschinen, da findet man immer irgendwas (ja ich weiß, den Content muss ja auch Jemand einstellen; aber da reicht ja inzwischen ChatGPT).

Dass, wie Sebastian Bolz im Artikel oben schreibt, das „Schreiben von ‚Publikumsliteratur‘ […] bislang keinen nennenswerten Reputationsgewinn“ abwerfe und deshalb „entsprechend weit unten auf der Agenda des sogenannten ‚Nachwuchses‘ stehe, ist meiner Wahrnehmung nach nicht die Ursache, sondern nur ein weiteres Symptom unter vielen eines längst fragwürdig gewordenen elitären Wissenschaftsverständnisses, internalisiert in der „deutschen Publikationspflicht von Dissertationen“ und einer hierzulande „anders gearteten Buchkultur“. Wir beklagen einerseits unser Gefangensein im Elfenbeinturm und versuchen gleichzeitig, dieses Refugium zu verteidigen, zu rechtfertigen. Ich halte dies – sorry für diese Drastik und nicht persönlich gemeint – für ausgesprochen scheinheilig und wirklichkeitsfremd.

Glauben wir denn wirklich, man könnte jemanden Unbedarften für Editionstechnik interessieren? Wer, außer den im großen Markt der Berufstätigen verschwindend geringen Zahl an Lektoren, Operndramaturgen oder musikwissenschaftlichen Editoren, beispielsweise, sollte daran Interesse haben? Diese sind qua Tätigkeit unsichtbar, verschwinden allesamt hinter den von ihnen mitgestalteten Produkten (Notenausgaben, Opernproduktion, kritische Editionen).

Mit Musikwissenschaftlern und Themen der Musikwissenschaft generiert man nun Mal kein breites, vielleicht nicht einmal ein geringes Publikumsinteresse in den sozialen Medien, den Talkshows oder anderen populärkulturellen Formaten. Das ist vielleicht auch gar nicht erstrebenswert. Deshalb meine ich, wir sollten die hier diskutierte, als Bedrohung des Status quo empfundene Entwicklung als Chance nutzen, die Legitimation unseres Faches als akademische Disziplin grundlegend neu zu überdenken.
Mitunter hilft auch ein Blick in die Geschichte: „Die Genese der historischen Wissenschaften im frühen 19. Jahrhundert setzen die Erschütterung der abendländischen Tradition durch Aufklärung und moderne Industriegesellschaft voraus. Sie stellen den Versuch dar, das Verlorene reflektierend einzuholen und dadurch den Kontinuitätsbruch zu kompensieren“, so Joachim Ritter (Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft, in: Jahresschrift 4, 1961, der Gesellschaft zur Förderung der Westf. Wilhelms-Universität zu Münster). Wer Ritters Interpretation akzeptiert, kann sich daher der Konsequenz nicht verschließen, dass die historischen Wissenschaften zusammen mit der Tradition allmählich, seit Längerem schon und nicht erst heute, der Vergleichgültigung anheimfallen, und dass ihre Epoche sich zuletzt als eine bloße Interimsphase zwischen einer naturwüchsigen und einer endlich für überflüssig gehaltenen und in Vergessenheit geratenen Tradition erweisen mag. Was als Erkenntnis freilich nicht neu ist: Schon Nietzsches Zweite Unzeitgemäße Betrachtung hatte die historische Bedingtheit der historischen Bewegung aufgedeckt.

Eine Sendung im Deutschlandfunk vom 24. November 2006 mit dem Subtitel „Zur Situation der Musikwissenschaft in Deutschland“ brachte es mit O-Tönen von Christoph Wolff, Wolfgang Auhagen, Susanne Rode-Breymann und Peter Wicke damals bereits exemplarisch auf den Punkt. Ich zitiere wörtlich aus dem Skript: „Die Musikwissenschaft hat sich abgekoppelt vom Musikleben“ … „Wir haben ‚ne Bach-Ausgabe, ‚ne Mozart-Ausgabe, ‚ne Schubert-Ausgabe, ‚ne Brahms-Ausgabe, ‚ne Mendelssohn-Ausgabe“ … „und das bringt das Fach zum Tod“ … „das hat einfach mit der Wirklichkeit von heute alles nichts mehr zu tun“ … Auhagen: „Die Musikwissenschaft steckt in der Krise, sie hat es vielleicht noch nicht gemerkt“ und Wolff ergänzt: „ich sehe relativ schwarz, das gebe ich Ihnen offen zu“.

„Öffentlichkeitswirksame Wissenschaftskommunikator*innen mit musikwissenschaftlichem Hintergrund sind „die Ausnahme“? Nein, lieber Sebastian, es gibt sie schlicht nicht. Auffällig ist doch gerade die Absenz oder auch Zurückhaltung fachintern (aber eben nur fachintern) denk- und sprachmächtiger Musikwissenschaftler*innen, wenn es um gesellschaftliche und kulturkritische Debatten geht, insbesondere im Feuilleton oder in interdisziplinären Kontexten. Ein gelegentliches publizistisches Räuspern anlässlich neuer musikwissenschaftlicher Projekte, oder beiläufige, nicht selten im Ton gereizte, Anmerkungen zu Veranstaltungen des Musiktheaters in der FAZ oder NZZ reichen hierfür sicherlich nicht aus.

Was Armin Nassehi in seinem Festvortrag auf der Hochschulrektorenkonferenz 2017 in Bielefeld für eine moderne Wissenschaft in der heutigen Gesellschaft forderte, wäre auch für die Musikwissenschaft essentiell [ich zitiere Nassehi]: Wissenschaft muss „einen Raum der Abweichungsverstärkung anbieten können“. Es brauche, „die Mentalität und die Bereitschaft, sich auf neue Fragestellungen einzulassen“. Wissenschaft muss, so Nassehi, „um gesellschaftlich relevant zu sein, an sich selbst Innen- und Außenperspektiven unterscheiden lernen. Solche Fragen nach dem Grenzregime könnte man Übersetzungsfragen nennen. Bräuchte Wissenschaft in einer so komplexen Umwelt nicht zunehmend die Fähigkeit, ihre eigenen Transferbedingungen nach außen stärker in den Blick zu nehmen und müsste sie dies nicht als wissenschaftliche Frage behandeln? Kluge Wissenschaft wird jedenfalls Fragen nach ihrer Praxistauglichkeit, nach ihrer Verwertbarkeit und ihrer gesellschaftlichen Relevanz offensiver formulieren müssen […] Und hierfür brauche es eine „Sozialfigur“, die John Stuart Mill schon im 19. Jahrhundert als denjenigen beschrieben hat, der in der Lage ist, die ausgetretenen Pfade des Gewohnten zu verlassen und die Gesellschaft mit Abweichung zu versorgen“, einen „methodisch kontrollierten Exzentriker“. Dass es der Musikwissenschaft „an öffentlichkeitswirksamen Gallionsfiguren mangelt“, mag ja zugegeben eine wohlfeile Diagnose sein. Sie ist aber leider zutreffend und im Sinne der Forderung von Nassehi ein grundlegendes Problem unseres Faches. Und das nicht erst heute.

Zur Person: Dr. Reiner Nägele ist Leiter der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek.


[1] Dieser Text erschien zunächst als Kommentar zu „Musikwissenschaft als Auslaufmodell – Vermutungen und Unverschämtheiten“ und wird hier nochmals zur Debatte gestellt.

4 Kommentare

  • Sebastian Bolz sagt:

    Vielen Dank für den Diskussionsbeitrag, zu dem es viel zu sagen gibt. Ich will beim ersten Punkt beginnen: „Geforscht wird, meine ich, immer, sobald die Notwendigkeit dazu gegeben ist, dort wo Aufklärungs- oder Verstehensbedarf besteht. Wissenschaftliche Neugier sucht sich ihren Weg, schon immer. […] Wo gegenüber Mittel verwaltenden Entscheidern Forschungsbedarf überzeugend begründet werden kann, wird es immer unabhängig von Studierendenzahlen Forschung geben, nicht zuletzt auch jenseits etatisierter Planstellen an Hochschulen. Auch wenn das Einwerben schwieriger werden dürfte.“
    Zwar ging es in unseren Texten ja vorrangig gar nicht um die aktuellen wissenschaftspolitischen Diskussionen mit Stichwort WissZeitVG. Es scheint mir aber doch nötig, auf Deinen Punkt in diesem Sinn zu reagieren. Ich lese Deine These so, dass Forschung ja nicht von Stellen und Instituten abhängig sei. Diese schulterzuckend vorgetragene Verabschiedung gesicherter Arbeitsbedingungen finde ich geschmacklos, das will ich in aller Deutlichkeit sagen. An deutschen Forschungseinrichtungen herrscht derzeit ein System vor, in dem die Grundversorgung in Forschung und Lehre zu 80–90 % von befristet Angestellten geleistet wird. Dieses System basiert im Kern auf Hierarchie und dem alten Prinzip der „Personalausstattung“, es leistet Machtmissbräuchen aller Art und Vetternwirtschaft Vorschub. Es ist familien- und lebensplanungsfeindlich und treibt Kolleg*innen reihenweise in die Depression. Und es erschwert nicht zuletzt denjenigen den Weg, die nicht aus sog. „gesicherten Verhältnissen“ kommen, die also im Zweifel nicht mit relativer Gelassenheit Zeiten von Arbeitslosigkeit und materieller Unsicherheit entgegensehen können. (Zum Thema Klassismus in der Musikwissenschaft erscheint demnächst ein Text hier auf dem Blog.) „Neugier“ muss man sich leisten können, so einfach ist das. Sollte der Eindruck aufgekommen sein, dass wir dieses System verteidigen wollen (so lese ich die Replik in Teilen), hätten unsere Texte sehr grundsätzlich ihr Ziel verfehlt. Ein „Refugium“ stellt es jedenfalls schon lange nicht mehr dar.
    Aus den hier vorgetragenen Thesen erkenne ich außerdem, dass ich auch in anderer Hinsicht meiner eigenen Forderung nach Zugänglichkeit und Kommunikationsfähigkeit nicht gerecht werde. Denn die meisten meiner Argumente erkenne ich tatsächlich nicht wieder. Mir ging es gerade nicht darum, einen inhaltlichen Status quo zu verteidigen, im Gegenteil: Im ersten Teil meines Textes weise ich auf Stellen hin, an denen dieser Status der Verbesserung bedarf: Mein Vorschlag ist gerade, dass „wir“ unsere Themen und Methoden, aber eben auch deren Präsentation überdenken. Ich bin überzeugt, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir uns im Stil kulturpessimistischer Verfallserzählungen darauf zurückziehen, dass die „Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsmaschinerie“ eben „nach meinungsstarken, emotional unterfütterten Statements“ verlangt. Es gibt, und da dürften wir uns denke ich einig sein, auch einen Mittelweg. (Der Maßstab sind bis auf Weiteres nicht „Talkshows“– auch wenn mir das Gedankenspiel eines „musikalischen Quartetts“ eine gewisse gruselbehaftete Freude bereitet.) Dass wir diesen Weg – unsere Gegenstände so zu wählen und zu kommunizieren, dass ihre Relevanz erkennbar und anerkannt wird – nicht mit der gebotenen Konsequenz gehen, ist in der Tat „ein Defizit unserer Disziplin“ – und war auch meine These.
    Dass wir Armin Nassehi folgen (so interessant ich den Punkt finde), sehe ich im Übrigen nicht – und zwar letztlich vor dem Hintergrund der Implikationen dieser Replik (nämlich die Frage, was eigentlich unsere genuinen Kompetenzen als Musikwissenschaftler*innen sind/sein sollen): „An sich selbst Innen- und Außenperspektiven unterscheiden lernen“ ist zwar auch für Musikwissenschaftler*innen eine sinnvolle Aufgabe. Für Soziolog*innen ist sie aber Methode des eigenen Fachs – genau jener „soziologische Blick“, mit dem das Fach auch auf andere Forschungsgegenstände blickt. Für eine Musikwissenschaft, die ihre Kompetenzen und Aufgaben ernst nimmt, sind diese Fragen andere.
    Zum Schluss einige personelle und persönliche Bemerkungen: Darüber, dass „ausgerechnet“ Personen wie Wolff, Auhagen und Rode-Breymann zu Wort kommen und für die Zukunft des Fachs schon vor 15 Jahren schwarz sehen durften, musste ich ein wenig lachen. Da stehen also: ein Professor der Harvard University, an der keines der Probleme, über die wir hier sprechen, den Alltag bestimmt; der ehemalige Präsident der Gesellschaft für Musikforschung, der über Jahre sozusagen in der Steuerzentrale für Veränderung im Fach saß; und die Präsidentin einer Musikhochschule und ein Mitglied jener Hochschulrektoren-Konferenz, deren wissenschaftspolitische Einlassungen in letzter Zeit davon zeugen, dass einem die vielfach vorgebrachten Probleme von Mitarbeitenden schlicht egal sind. (Wicke wäre für meine Argumente explizit auszunehmen: Er ist z. B. einer der wenigen Musikwissenschaftler*innen, die in einer der genannten Reihen in Publikumsverlagen publiziert haben.) Wollte man über „Innen- und Außenperspektiven“ sprechen: Hier wird’s Ereignis – denn es wird so getan, als blicke man von außen auf eine Disziplin, deren Gestalt man selbst entscheidend mitbestimmen konnte/könnte. Und zuletzt: Ohne „ne Strauss-Ausgabe“ würden ich und die meisten meiner Kolleg*innen vermutlich schon nicht mehr musikwissenschaftlich arbeiten (und auch keine „Ehrenämter“ ausfüllen). Das mag man in Wettbewerbshinsicht verschmerzbar finden, ebenso wie man über Sinn, Unsinn und Form von editorischen Großprojekten mit guten Argumenten streiten kann. Und doch sind es eben Editionen, die als derzeit einzige musikwissenschaftlichen Projekte im großen Stil Drittmittelpotential besitzen, die aber auch (!) relativ unmittelbar und großflächig in die sog. „Praxis“ hineinwirken. Ob das immer hinreichend deutlich wird und mit der nötigen Konsequenz verfolgt wird, ist eine andere Frage. Das Auseinanderdriften von Musikwissenschaft und „Musikleben“ gerade an Ausgaben festzumachen, erscheint mir aber eine ideologisch gefärbte Teilwahrheit zu sein, die auf ein seinerseits ideologisch grundiertes Phänomen reagiert. Insofern halte ich diese Kritik an „Gesamtausgaben“ – bei aller Kritikwürdigkeit – für wohlfeil.

  • Gerne darfst Du meine Anmerkung zum institutionell unabhängigen Forschungsdrang „geschmacklos“ nennen. Meine Aussage zielte aber mit dieser nur scheinbar leichtfertigen Bemerkung auf den Kern des Problems, so wie ich diesen wahrnehme, nicht auf ein Diskreditieren der existentiell von diesem System Abhängigen. Ich habe das ja alles schon 2019 in „Musikwissenschaftsdämmerung“ thematisiert, dies nur am Rande (Merkur 2019, Heft 842). Meine ernüchternde Erfahrung mit diesem Beitrag war, dass die Fachverteter*innen damals bis heute zu diesem Text – veröffentlicht immerhin in einer renommieren Kulturzeitschrift – alle, wirklich alle (!) öffentlich geschwiegen und ausschließlich privat und hierbei allermeist beleidigt und gekränkt reagiert haben. Zu den inhaltlichen Punkten hat Niemand jemals an irgendeiner publizistisch relevanten Stelle kritisch Stellung bezogen. Eine Enttäuschung und für mich ein weiterer Beleg für jene fehlende Souveränität hinsichtlich öffentlicher Diskussionsbereitschaft, sobald es um das eigene Fach geht. (N.B.: Als Ed Sheeran vor wenigen Wochen seinen Plagiatsprozess führte: Warum hat kein*e Musikwissenschaftler*in von institutionellem Gewicht dazu publizistisch und meinungsstark Stellung bezogen? Es ging hier ja einmal mehr um Grundsätzliches, um das, was Kunst ausmacht, Kreativität, Originalität, etc.). Offenbar haben wir, die wir uns anmaßen, Musik „wissenschaftlich“ verstehen und erklären zu können, dazu nichts zu sagen. )
    Ein kleiner Blick zurück: Die „vier Provokationen“, die ihr im ersten Beitrag formuliert habt, wurden bereits 1991 in der NZfM 152, No. 2, pp. 15-21 so oder so ähnlich thematisiert – Titel „Blickpunkt Musikwissenschaft“ – und von führenden Fachvertretern beantwortet, aus damaliger Sicht natürlich. Das spricht natürlich nicht gegen ein erneutes Infragestellen aus heutiger Perspektive und zeitbedingt leicht verändertem Fokus. Der lamentierende Grundtenor ist aber derselbe, gestern wie heute. (Interessenterweise waren der Ausgangspunkt der damaligen Befragung zum „gegenwärtigen Status der Musikwissenschaft“ ebenfalls genau vier Fragen, die die NZfM gestellt hatte, um „das Nachdenken über Musikwissenschaft zu beleben“. Der Grund wird auch genannt: „Mißbehagen“ und „Unzufriedenheit“ mit eben jenem Status. Viele weitere Artikel wären zu nennen, beispielsweise die Diskussion auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung 1979 in Göttingen, referiert in Die Musikforschung 1980, Heft 4; oder immer noch lesenswert und zur – hoffentlich konstruktiven – Kritik reizend Hans Heinrich Eggebrecht: „Sinn von Musikwissenschaft heute“ (AfMw 2000, Heft 1). Allein die Geschichte zum jeweils „gegenwärtigen Status“ unseres Faches, der mit schöner Regelmäßigkeit aus je unterschiedlichen Gründen als prekär empfunden wurde, wäre einen eigenen Artikel wert; und würde vielleicht zu einer längst überfälligen wissenschaftstheoretischen Diskussion in unserem Fach führen. Es ist nämich durchaus verwunderlich, zugleich aber aufschlussreich, dass es im „Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften“ (Hamburg 2017) keinen Beitrag zu einer Philosophie der Kunstwissenschaften gibt. Dieses Fehlen wird sogar in der „Einführung“ erklärt: „Zu vielen Gebieten, die sich bislang als eigenständige Wissenschaft etabliert haben, gibt es keine eigenständige Wissenschaftsphilosophie“. Ein Beispiel dieser „Kategorie wäre die Musikologie“. Zitat Ende. Das provoziert – zumindest bei mir – die Frage: Warum nicht? Liest man die dem Beitrag zur „Philosophie der Philosophie“ einleitenden Leitfragen, könnte man für „Philosophie“ ebenso gut „Musikwissenschaft“ setzen: „Mit welchen Arten von Problemen beschäftigt sich die Philosophie? Wie unterscheiden sie sich von den Problemen anderer Disziplinen? / Warum sollten wir uns mit solchen Problemen befassen? Was sollen philosophische Theorien leisten? Wozu ist philosophische Reflexion gut? / Was für Erkenntnisse lassen sich aus dem sprichwörtlichen philosophischen Lehnstuhl gewinnen? / Wie können (und müssen?) wir sie mit empirischen Erkenntnissen zusammenbringen?“. Soweit die Philosophie der Philosophie. Und die Musikwissenschaften? Schweigen. „Innen- und Außenperspektiven unterscheiden lernen“? Aber ja doch, definitiv! (Sollte mir freilich eine inzwischen erfolgte Diskussion hierzu entgangen sein, lasse ich mich selbstverständlich gerne eines Besseren belehren). Deshalb meine ich nach wie vor, dass eine Therapie zur Verbesserung der Lage unseres Faches nicht darauf abzielen kann, nur aktuell dessen Attraktivität zu steigern oder dieses medial besser zu verkaufen, sondern dass wir endlich bereit dafür sein müssen, das bestehende, etablierte System als solches zu hinterfragen und es ggf. neu aufzustellen. Auch wenn dadurch zunächst „gesicherte Arbeitsbedingungen“ gefährdet werden, die Du ja selbst wenig später als prekär bezeichnest. Einerseits kritisiert ihr das System („Machtmissbrauch“, „Vetternwirtschaft“, „familien- und lebensplanungsfeindlich“), anderseits versucht ihr, Wege zur Diskussion zu stellen, die das bestehende Systems attraktiver machen sollen, mithin dazu beitragen sollen, dies in kosmetisch modifizierter Form zu stabilisieren. „Musikwissenschaft nicht nur als Studienfach, sondern als akademische Disziplin in eine Trendwende ummünzen“, lese ich. Trendwende? Das klingt zwar nach Umkehr, ich verstehe aber eure „Anforderungen“ gerade nicht als Kritik am System selbst, sondern als Aufforderung zur Optimierung der vorhandenen Strukturen, einem Beseitigen von „Defiziten“. Da gehen die früheren oben zitierten Überlegungen der Altvorderen tatsächlich weiter, erfassen die Problematik fundamentaler, gerade auch, weil die jeweiligen Antworten vice versa offenlegen, was zugleich als Ursachenerklärung für die gegenwärtig diagnostizierte Misere gelesen werden kann, oder könnte. Das Zitieren in meiner Replik der Diskussionsrunde aus längst vergangenen Tagen mag Dich ja zum Lachen reizen; es sollte ja aber nicht mehr, als jene (teil)verantwortlichen Funktionäre in Ihrer Hilflosigkeit vorführen, was Du ja wiederum durch Deinen Kommentar zu den Personen bestätigst. Es ist nun mal so: Natürlich liegt es immer auch an den Personen, die Entscheidungen treffen und verantworten. Der Blick in die Historie will deutlich machen, dass es unabhängig von diesen Personen, die ja doch turnusmäßig als Funktionäre wechseln und gewechselt haben, einen systemischen Grund für die Misere geben muss. Anders kann ich es mir nicht erklären. Manchmal muss man eben „Gott“ für tot erklären, sich eine Welt ohne Transzendenz vorstellen, um die elementare Sehnsucht nach einer allmächtigen geistigen oder sittlichen Macht zu spüren oder zumindest verstehen zu können, ob man dies nun gutheißen mag oder nicht. Nenne dies, wenn Du willst, eine „ideologisch gefärbte Teilwahrheit“. Aber auch eine Teilwahrheit ist wahr.

  • Falk Hartwig sagt:

    Zunächst finde ich es toll, dass die Diskussion dem Motto des Blogs gerecht wird. Gerade innerhalb von Fachcommunities wird heute die Kontroverse gescheut; die Ecke und die Kante, streitbare Geister, fehlen mittlerweile überall zugunsten einer wohl als achtsam verstandenen Konsenskultur. Damit bleiben paradigmatische Diskurse aus, was auch dazu führt, dass Schnittstellen in die Öffentlichkeit verpasst werden. Gerade eine randständige Disziplin wie Musikwissenschaft hat es dann schwer. Wer hier liest und schreibt wird das kennen: Erkläre einmal beim Friseur, einem Bankangestellten oder im Taxi, was Musikwissenschaftler tun (obwohl man im Taxi durchaus studierte Musikwissenschaftler am Steuer treffen könnte). Es gibt außerhalb der Insider-Bubble schlicht keine Vorstellung von dieser Profession. (Ebenso habe ich, kurz nach meinem Abschluss, Kommilitonen aus der Musikwissenschaft getroffen, die sich unter dem Thema meiner Magisterarbeit gar nichts vorstellen konnten.) Musikwissenschaftler treten eben allenfalls einmal mit Drei-Minuten-Statements auf, wenn ein Beethoven- oder Bach-Jahr ist oder sie sich geschickt Pfründe in Trendthemen – was mit KI etwa – erobert haben.

    Die Diskussion geht hier nun also darum, ob „man“ am Bedeutungsschwund selbst schuld sei. Es ist sicher immer richtig, zunächst bei sich selbst zu schauen. Ich teile die deutliche Kritik Sebastian Bolz‘ an der wohlfeilen „Selbstkritik“ (?) zitierter Fachvertreter; Professoren, die man z. B. angesichts der Bologna-Reform, Zusammenlegung von Instituten und Verwässerung der Musikwissenschaft an den Hochschulen nie vernommen hat. Herrn Nägeles Optimismus hingegen verstehe ich hier dann nicht, wenn er ein „Wegbleiben von Lernenden“ und „weniger Mittel in Personal“ als „auf keinen Fall“ den „Fortbestand akademischer Forschung in der Musikwissenschaft“ gefährdend ansieht. Ja, wer sollen denn die künftig Forschenden sein – musikinteressierte Zahnärzte, die sich im Ruhestand endlich ihrer großen Leidenschaft Musik voll und ganz widmen?

    Gut, Polemik hilft nun auch nicht weiter, sei sie gegen einen selbstgenügsamen und trägen Wissenschaftsbetrieb oder gegen die Forderung einer populär zuzurichtenden Disziplin mit vorzeigbaren Sprechern, die zur prime time in’s TV passen, gerichtet. Ich denke aber auch, dass etwas das Fehlen einer Wissenschaftsphilosophie, einer Standortsuche zwischen Elfenbeinturm und Boulevard bzw. wissenschaftspolitischen Positionen dem Problem des Bedeutungsschwundes der Musikwissenschaft – und offenbar des Interesses seitens der Abiturienten – nur bedingt begegnen kann.

    An diesem Punkt kommt der Pessimist in mir durch; genauer, der Kulturpessimist. Ist es nicht so, dass wir generell einer ziemlichen geistigen Verarmung gegenüberstehen? Und das in einer Zeit, in der immer mehr Menschen zu immer mehr Wissensbeständen Zugang haben. Die Gründe der geistigen Verarmung – die zunehmend zugunsten von bloßer Form und auch Ideologie sogar vor den Hochschulen nicht halt macht – sind eigentlich bekannt und sollen hier nun nicht weiter erörtert werden. Dabei ist der Trend zu beobachten, dass in allen möglichen Bereichen, die besonders durch die technologischen Entwicklungen auf der Kippe stehen oder, positiver ausgedrückt, sich „Paradigmenwechseln“ gegenüber sehen, versucht wird, sich bis zur Selbstverleugnung anzupassen. Das ist einerseits nachvollziehbar, wird andererseits aber nur die wenigsten Fälle vor einem endgültigen Verschwinden bewahren. Exemplarisch beobachte ich das etwa in der Bibliothekswelt; aufgrund meines Berufes aus nächster Nähe. Aber eben auch die Geisteswissenschaften, i. w. S., sehe ich schon länger eher in Versuchen der Anpassung, denn einer selbstgestaltenden Weiterentwicklung – wie ich den von Nägele zitierten Nassehi verstehen will – begriffen. Kurz gesagt: Auch eine Musikwissenschaft hat die Dinge nur bedingt in der eigenen Hand. Wie sollen denn Wissenschaften oder Fachdisziplinen, die ohne das (geschriebene) Wort und komplexeres Denken nicht vorstellbar sind, in einer Welt eine Zukunft haben, die nicht mehr wirklich lesen kann und lesen will, die ein Aufmerksamkeitsspanne kultiviert, die nur knapp über der von Hamstern liegt?

    Abschließend vielleicht noch ein Wort zu dem fragenden Argument aus dem ersten Beitrag zum Thema von Sebastian Bolz und Moritz Kelber, welches Verhältnis denn zwischen konstanten Zahlen von Musikschülern und der trotzdem stark abnehmenden Zahl von Musikwissenschaft Studierenden bestehe. Da mein Arbeitsort eine Musikhochschule ist, weiß ich, wie wenig Musikwissenschaft die Musikstudierenden und leider auch das Gros der Lehrenden interessiert. Überhaupt nicht selten kann man sicher sein, dass ein Student das Musikstück, das er gerade vorträgt, nicht einmal zeitlich und räumlich einordnen kann. Zur Situation an den Musikschulen ist in den Kommentaren unter den initialen Beiträgen ja auch schon etwas gesagt worden (immer mehr Pop, höchstens noch leichte Klassik). Als ich mich einst für das Studium der Musikwissenschaft entschied, hörte ich aber auch von Musikern, dass sie Musik(-wissenschaft) lieber nicht studieren wollten, da sie fürchteten, das könnte ihnen die Freude an der Musik nehmen – quasi die Musik entzaubern. Das ist auch verständlich. Dass Analyse auch Genussgewinn erwirken kann, liegt nicht unmittelbar auf dem Weg – und in Zeiten der Spotifyisierung, und zwar nicht allein des Musikhörens, erst recht immer weiter weg. Eigentlich interessant für die Musikwissenschaft … 🙂

    PS: Gespannt bin ich auf den angekündigten Beitrag zu Klassismus in der Musikwissenschaft.

  • Sebastian Bolz sagt:

    Vielen Dank für die umfang- und gedankenreichen Kommentare! @Reiner Nägele: Wir sind uns in vielen Punkten einig, nur in einem zentralen nicht: Ich kann nicht erkennen, dass es dem Fach (und damit meine ich gerade nicht „das System“) irgendwie nützlich wäre, die einigermaßen etablierte institutionelle Position über die Klinge springen zu lassen. Damit würde man die vielen Kolleg:innen bestrafen, die interessante Arbeit leisten, sich einbringen, für Studierende da sind, für den Gegenstand brennen – und nebenbei für eine „verlorene Generation“ junger Wissenschaftler:innen sorgen, die dann eben Pech gehabt haben, weil sich „das System“ nunmal neu erfinden muss. An der Option „Operation am offenen Herzen“ führt kein Weg vorbei. Ist die Musikwissenschaft erst einmal aus den universitären Logiken verschwunden, kommt sie auch gewiss nicht wieder. But then again: Seit einigen Tagen wissen wir, was politische Einflussträger (gestützt von elitären Forschungseinrichtungen) von den Positionen und Anliegen junger Wissenschaftler:innen halten. Diese Tendenzen sind ohnehin dazu geeignet, den von Dir verordneten Kahlschlag gleichsam von innen heraus zu erzeugen. Einmal mehr können „wir“ uns nun entscheiden, ob wir diesem Prozess aus larmoyanter Halbdistanz beiwohnen oder versuchen, ihn zu gestalten. (Die von Dir vorgestellte Studie zur Geschichte der „Stand des Fachs“-Texte würde ich übrigens sehr gerne lesen!)

    @Falk Hartwig: Auch hier stimme ich vielem zu, aber – trotz allem – der kulturpessimistischen Schlagseite gerade nicht: Gegenwart nur als Spielfeld „geistiger Armut“ zu beobachten, scheint mir zu einseitig – und auch ein wenig ahistorisch, denn auch diese Erzählung ist ja denkbar alt. Interessante, vielschichtige Phänomene gibt es überall, ebenso wie deren scharfsinnige Reflexion. Die Fragen, denen man sich als Musikwissenschaftler:in stellen muss, ist doch nur: Will ich daran teilhaben? Habe ich die Möglichkeit dazu? Wie kann ich die bestehenden Bedingungen dazu nutzen? Genau da helfen die Verfallserzählung nicht – genau so wenig wie selbstverordnete Schrumpfkuren.

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