Nicht nur für die Disziplin Musikwissenschaft, sondern auch ganz persönlich dürfte es für jede*n Forscher*in ‘Schlüsseltexte’ geben. Dennoch hat das Fach ein ambivalentes Verhältnis zu einflussreichen Aufsätzen und Büchern. Musikwissenschaftliche Forschung findet nur selten in expliziter Auseinandersetzung – sei es in Anknüpfung oder in Abgrenzung – mit zentralen Schriften statt. Auch die vieldiskutierte „Theoriearmut“ der Musikwissenschaft mag mit der nur schwach ausgeprägten Bereitschaft zusammenhängen, die eigene Forschung in Beziehung zur Fachgeschichte – im Sinne einer Geschichte der Forschungsinhalte – zu setzen.

Unter dem Titel „Ist die Klassik kolonialistisch?“ werden in der FAZ Debatten um den musikalischen Kanon, politischen Populismus und gesellschaftlichen Aktivismus zwischen Hörsaal und Konzerthalle polemisch zusammengewürfelt. Damit wird von Seiten akademischer Vertreter*innen ein Bedrohungsszenario skizziert, dass sich gefährlich nahe an besorgten „Eliten“ von Anti-Cancel-Culture-Initiativen bewegt.

Ein modales Sprachspiel

In den Medienwissenschaften gibt es seit langem das Einverständnis, dass technische Geräte wie das Radio oder das Smartphone keine durchsichtigen Fensterscheiben sind, die uns den ungehinderten Blick auf eine Welt dahinter freigeben. Das McLuhan’sche Paradigma,[1] wonach das Medium selbst eine Botschaft hat, stellt Musikwissenschaft vor allem dann vor Herausforderungen, wenn sie es mit Aufführungen zu tun hat.

Welche Probleme – inhaltlicher wie fachpolitischer Art – beschäftigen die Community? Wie können wir in der Musikwissenschaft fruchtbar miteinander streiten? Musiconn.kontrovers will Impulse setzen und Forum für direkte und kontroverse Diskussionen sein. Der Blog soll die Aufmerksamkeit auf jene Kernfragen lenken, zu denen die Stimmen möglichst vieler Kolleg*innen gehört werden sollten. Ziel des Blogs, der Teil des Fach­informations­dienstes Musik­wissen­schaft ist, sind sachliche, unhierarchische Kontro­versen, in der auch unfertige und strittige Gedanken eine Plattform finden.

Als bei den Darmstädter Ferienkursen 2018 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Notations“ – explizit anknüpfend an den Kongress „Notation Neuer Musik“ des Jahres 1964[i] – zeitgenössische Notationspraktiken diskutiert wurden, geschah dies unter den Aspekten ‚Utopie‘ (Ferneyhough), ‚Resultat‘ (Boulez), ‚Imperativ‘ (Lachenmann) und ‚offene Form‘. Zweifelsohne sind Helmut Lachenmanns Mischformate aus Resultat- und Aktionsschrift oder Brian Ferneyhoughs überbestimmte Partituren ein faszinierendes Studienobjekt; auch für die theoretische Durchleuchtung der Potenziale und Funktionsweisen musikalischer Schrift stellen sie einen wichtigen Bezugspunkt dar.

Zur Polemik „Igor Levit ist müde“ in der Süddeutschen Zeitung wurde vieles gesagt. Und es hat etwas von Nabelschau und Nestbeschmutzung, über Kollegen und über Vorgänge in anderen Redaktionen zu mutmaßen. Die Entgegnung von Carolin Emcke in der gleichen Zeitung bildete mehr oder weniger ein Schlusswort, dem nichts hinzuzufügen ist. Daher nur ein paar lose Gedanken und Beobachtungen, weil der Fall geeignet ist, den ohnehin nur mäßigen Ruf der Musikkritik zu beschädigen.

Im Anschluss an Helmut Maurós Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Oktober 2020 mit dem Titel „Igor Levit ist müde“ hat sich eine lebhafte Debatte entwickelt. Sie betrifft Maurós Text, die in ihm formulierten Argumente und Vorannahmen und ihre sprachliche Ausgestaltung, aber ebenso die Frage nach den Kompetenzen und Aufgaben von Musikkritik. Um eine Übersicht über die vielfältigen Beiträge zu ermöglichen, zu denen auch dieser Blog beiträgt, sind im Folgenden die zentralen Texte ausgeführt und soweit möglich auch verlinkt.

Als zwei angehende Doktorandinnen, die innerhalb ihrer Disziplinen – Literatur- und Musikwissenschaft – an jenen Forschungsgegenständen interessiert sind, die als „anders“ und „jenseits des Kanons“ betitelt werden, wurden wir in letzter Zeit häufig gefragt, wie wir die Diversität an deutschen und englischen Universitäten im Vergleich beurteilen würden und auch, wie man diese erhöhen könne. Dies ist ein Versuch, diese Frage in Referenz auf bestehende Ressourcen zu beantworten.

Eine Kommentarlawine unter einem Blog-Artikel löste Anfang 2016 eine heftige Debatte über Rassismus in der US-amerikanischen Musikwissenschaft aus.[1] Auf dem Blog Musicology Now der American Musicological Society (AMS) und in sozialen Netzwerken machten Musikwissenschaftler*innen unter dem Hashtag #AmsSoWhite auf ihre Erfahrungen mit strukturellem Rassismus in einer von weißen Wissenschaftler*innen dominierten Disziplin aufmerksam.

Der Brite Edward Colston war ein mörderischer Sklavenhändler. Von seinen Schiffen wurden einst versklavte Afrikaner, die wegen Krankheit für seine Royal African Company nichts mehr „wert“ waren, lebendig in den sicheren Tod von Bord geschmissen. Deshalb wirkte der Moment, in dem seine Statue in den Hafen der Universitätsstadt Bristol platschte, auf mich und viele andere wie eine Erleichterung. Endlich passierte einmal etwas, auch wenn es tragischerweise den brutalen, öffentlichen Polizeimord an George Floyd und das darauffolgende Wiederaufflammen der Black-Lives-Matter-Bewegung brauchte, um so weit zu kommen. Die Statue, von stolzen Bürgern in der späten Viktorianischen Zeit errichtet, erinnert(e) an Colstons Wohltätigkeit. Schon vor Jahren entbrannte ein heftiger Streit darüber, ob ein Mann, der sein Vermögen dem Menschenhandel verdankte, noch so ein Monument verdiene. Viele Jahre des Hin und Her brachten keine Veränderung. Man stritt über Vorwürfe von „Geschichtsklitterung.“